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Fyndaryon, die Schöpfergottheit, erwachte und war verwirrt. Sie wusste nicht, wo sie war. Sie wusste nicht, was sie war. Sie wusste nicht einmal, wieso sie noch war. Sie erinnerte sich an den Tod Primeyras und die überwältigende Explosion aus Fyn-Magie. Sie erinnerte sich nicht, was danach mit ihr geschehen war. Gestorben war sie anscheinend nicht, was sie positiv überraschte.
Ehe sie auch nur daran denken konnte, nach Antworten auf die vielen Fragen zu suchen, die durch ihren Verstand wirbelten, überwältigte eine Kakophonie der Sinne ihr Bewusstsein. Sinne, die sie vorher nicht einmal gehabt hatte. Ein Geruch drang in ihre Nase, den sie gar nicht kennen konnte, denn sie hatte noch nie zuvor etwas gerochen. Ihre Sicht wurde immer wieder von kurzen, plötzlichen Schatten verdunkelt und es dauerte eine Weile, bis sie verstand, dass es sich dabei um ihr eigenes Blinzeln handelte. Aber was war Blinzeln? Und warum tat sie das?
Fyndaryons Gedankengang wurde abermals von einer neuen Welle an Wahrnehmungen unterbrochen. Es lag auf dem Rücken und spürte, wie sich etwas Weiches und Kühles von unten gegen seinen Körper presste. Wo seine Gliedmaßen sich vom Boden lösten, strich etwas sanft über seine Haut und kitzelte ihn. Sein Brustkorb hob und senkte sich und es konnte die Luft spüren, die es dabei ein- und ausatmete. Es mochte das Gefühl. Gleichzeitig fragte es sich, was Luft eigentlich war und warum es sie in seinen Körper sog, nur, um sie wieder auszustoßen.
Seine Neugier war geweckt. Es hielt den Atem an und wartete, was wohl geschehen würde. Eine Zeit lang geschah gar nichts. Dann baute sich ein Gefühl in seinem Körper auf. Eine Unruhe, ein Ziehen in seiner Brust, das mit jedem Moment stärker wurde. Ihm wurde schwindelig und Panik breitete sich in ihm aus, bis es schließlich den Mund aufriss und tief Luft holte.
Aha. Atmen war also notwendig. Gut zu wissen.
Fyndaryon hatte offenbar eine neue Form angenommen. Eine Form, die roch, atmete, fühlte und blinzelte. Beflügelt von dieser Erkenntnis versuchte es, ob es sich auch bewegen konnte und stellte erfreut fest, dass sein Körper zwar ungewohnt, aber leicht zu benutzen war. Es setzte sich auf und ließ den Blick umherschweifen.
Seine Welt schien aus zwei Hälften zu bestehen: Auf der einen Seite die bekannte Schwärze der Leere über ihm, deren unendliche Dunkelheit mit zahllosen hellen Lichtern übersät war. Auf der anderen Seite grüne, mit Gras überzogene Felder, so weit das Auge reichte. Die Landschaft war von sanften Hügeln geprägt, die dem Horizont ein malerisches Antlitz verliehen.
Es stand auf und besah sich seines Körpers. Zwei Arme mit Händen und zwei Beine mit Füßen, die über seinen Körper mit seinem Hals und dem darauf sitzenden Kopf verbunden waren. In seinem Gesicht ertastete es eine Nase, zwei Augen und einen Mund, mit dessen Zunge es das Gras an seinen Fingern schmecken konnte. Seine Haut war von grüner Farbe, die heller war als die Wiese unter ihm, aber ebenso weich wie die Halme, die seine Füße umspielten. Seine eigene Gestalt hatte darüber hinaus wenig Entdeckungswürdiges zu bieten, also widmete es seine Aufmerksamkeit wieder seiner Umgebung.
Um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, versuchte es, sich vom Boden abzustoßen, um mit größerem Abstand auf seine neue Welt herabzublicken. Zu seiner Überraschung pressten sich seine Füße nur einen kurzen Moment später schon wieder ins Gras. Es wiederholte den Versuch noch ein paar Mal, hüpfte dabei jedoch nur auf der Stelle. Es beschloss, dass Hüpfen Spaß machte, und vergaß, was es eigentlich vorgehabt hatte, während es fröhlich auf und ab sprang.
Fyndaryon verstand zwar nicht, was vor sich ging, doch eines wurde zunehmend deutlich: Diese Welt war nicht die Leere. Sie war anders. Sie war neu. Unberechenbar. Der Gedanke zauberte ihm ein breites Grinsen aufs Gesicht und es machte sich hüpfend, springend und – nach ein paar anfänglichen Stolperern – auch rennend auf den Weg, seine ganz eigene Welt zu erkunden.
Zu jener Zeit gab es auf Fyndaryl weder Tag noch Nacht, der Himmel war noch nicht blau und auch sonst gab es keine Möglichkeit, die verstrichene Zeit mit Gewissheit zu bemessen. Daher könnte nicht einmal Fyndaryon selbst heute sagen, wie lange es gedauert hatte, bis das Neue und Unbekannte seinen Reiz verlor und ihm langweilig wurde. All jene, denen später die Gunst zuteilwurde, ihn persönlich kennenzulernen, würden vermutlich schätzen, dass es nicht besonders lange gewesen sein konnte.
So schön ihr neues Zuhause auch war, so war die Schöpfergottheit doch ganz allein in einer großen Welt, die aus nichts als grasbewachsenen Hügeln zu bestehen schien. Da außer ihr keine einzige Seele weit und breit zu finden war, war sie zwar sicher vor dem Konflikt der Chaosgeborenen, aber auch einsam. Sie vermisste die Gesellschaft Primeyras und dessen Schwarms und fragte sich, ob sie ihre Geschwister wohl je wiedersehen würde.
Und so wanderte Fyndaryon unaufhörlich kreuz und quer durch Fyndaryl in der Hoffnung, irgendwann auf neues Leben zu stoßen. Es hatte sich schon so sehr daran gewöhnt, nach dem Erklimmen jedes Hügels aufs Neue enttäuscht zu werden, dass es seinen eigenen Augen nicht traute, als es plötzlich eine Gestalt in der Ferne erblickte. Der Neuankömmling schien einen ähnlichen Körper wie es selbst zu haben, war jedoch in weiten Gewändern gekleidet und seine Züge waren unter einer großen Kapuze versteckt.
Freudig stürmte der Schöpfergott auf den Fremden zu und rief ihm dabei Grüße und Fragen entgegen. Als er ächzend und keuchend vor dem Fremden stand, die Hände auf die Knie gestützt, drang dessen Stimme an sein Ohr:
„Mein Name ist Lao. Ich bin gekommen, weil ich deinen Ruf gehört habe. Und wie es scheint, bin ich nicht der Einzige.“
Als Fyndaryon endlich wieder zu Atem gekommen war, richtete es sich auf und wollte sich ebenfalls vorstellen. Doch vor ihm stand niemand. Überrascht blickte es sich um. Lao war verschwunden. Hatte es sich den Fremden womöglich nur eingebildet? Noch bevor die inzwischen allzu bekannte Enttäuschung sein Herz schwer werden ließ, zog ein gleißend helles, grünes Licht am Himmel seine Aufmerksamkeit auf sich.
Ihm schien zunächst, als würde ein einzelner Stern immer größer, so als wolle er einen breiteren Platz am Firmament für sich beanspruchen. Doch dann erkannte es, dass das Licht sich von der unsichtbaren Kuppel gelöst hatte und im Begriff war, auf Fyndaryls Oberfläche herabzustürzen. Fyndaryon stand mit offenem Mund da und wurde Zeuge eines atemberaubenden Schauspiels, als der Asteroid unter einer Explosion grünen Lichts hinter einem Hügel in der Ferne auf dem Boden aufschlug.
Zum ersten Mal seit sie in der neuen Welt erwacht war, war die Schöpfergottheit wieder von solch einer Neugier und Faszination erfüllt, dass sie vor Aufregung bebte. Kaum war die Nachwirkung des Einschlags abgeklungen, rannte der bisher einzige Bewohner der grasigen Länder auf den Ort zu, wo zum ersten Mal seit der Geburt der Welt etwas Neues erschienen war.
Als er dort ankam, waren seine Kräfte vollends erschöpft und er ließ sich ins Gras sinken. Wo der gefallene Stern eingeschlagen war, stand eine Person vor ihm, deren imposante Erscheinung ihm das bisschen Atem raubte, was ihm noch geblieben war.
Die Gestalt war etwas kleiner als Fyndaryon, dafür aber mindestens doppelt so breit und schien ausschließlich aus großen, kräftigen Muskeln gebaut zu sein. Mindestens genauso beeindruckend waren der buschige, dunkelgrüne Bart, hinter dem die untere Hälfte des Gesichts verborgen war, und die ebenso buschigen, ebenso dunkelgrünen Augenbrauen, die ihr Bestes taten, so viel wie möglich der oberen Hälfte zu verdecken. Seine Haut glich der von Fyndaryon sehr, doch jeglicher Anflug von Ähnlichkeit zwischen den beiden wurde von den breiten, gewundenen Hörnern des Neuankömmlings zunichte gemacht.
Wortlos starrten die beiden einander an und sahen sich tief in die smaragdgrünen Augen, die sie ebenfalls gemeinsam hatten. Ihnen war, als sähen sie dort etwas Vertrautes, das sie wiederzuerkennen versuchten. Als sie einander in ihrer neuen Form erkannten, platzten die Worte beinahe gleichzeitig aus ihnen heraus.
„Fyndaryon?“ fragte der Fremde ungläubig.
„Ollimm?“ rief Fyndaryon fröhlich.
Dann fielen die beiden sich in die Arme und lachten.
Ollimm war ebenfalls ein Gott aus dem Schwarm Primeyras gewesen und hatte dessen Ableben miterlebt. Als er gesehen hatte, dass Fyndaryon von der magischen Explosion erfasst worden war und an dessen Stelle etwas bis dahin völlig Unbekanntes getreten war, hatte er das Schlimmste befürchtet und tief getrauert. Die beiden hatten eine tiefe Zuneigung füreinander empfunden. Die erste Welt war allen Chaosgeborenen ein Rätsel und wurde gemieden, doch als von Fyndaryl ein Ruf ausging, der in Ollimms Seele widerhallte, hatte er Fyndaryons Stimme darin erkannt und war ihr gefolgt. Nun stand er hier in einer neuen Gestalt, mitten in einer Welt, die sich mit nichts vergleichen ließ, was er in der Leere je gesehen hatte.
„Hast du all das hier geschaffen? Was hast du hier erschaffen? Fyndaryon, wo sind wir?“ fragte Ollimm.
„Ich habe keine Ahnung!“ antwortete Fyndaryon und grinste dabei, als wäre Unwissenheit das höchste aller Gefühle.
Die beiden unterhielten sich noch eine Weile und sprachen darüber, was sie seit ihrer Trennung erlebt hatten. Doch es dauerte nicht lange, bis noch weitere Sterne sich vom Himmel lösten und auf Fyndaryl herabfielen. Ein Schauer grüner Lichter regnete auf die Welt nieder und Fyndaryon stellte bald fest, dass es sich dabei um unzählige Chaosgeborene aus Primeyras Schwarm handelte, die seinem Ruf folgten.
Ollimm und Fyndaryon wanderten fortan gemeinsam über die grasigen Hügel Fyndaryls, um ihre Geschwister zu begrüßen und deren neue Gestalten zu begutachten. Sie stellten fest, dass viele Chaosgeborene nach ihrer Ankunft in der ersten Welt ein gänzlich neues Wesen entwickelten.
Die Dämonen waren nicht mehr wiederzuerkennen. Selbst für Anhänger Primeyras waren viele von ihnen erstaunlich friedliebend und zeigten keinerlei Anzeichen von Feindseligkeit. Stattdessen tollten sie über die Wiesen und spielten miteinander. Ollimm beschloss deshalb, dass ihnen ihr alter Name nicht mehr gerecht wurde und nannte sie stattdessen nur noch „Tiere“.
Die ehemaligen Daeva ihres Schwarms durchliefen nicht minder beachtliche Veränderungen. Es schien so, als sei Fyndaryons Gestalt die grundlegende Form, nach dessen Vorbild ihre Körper sich formten. Sie hielten an ihren Rollen als Wächter und Pfleger ihrer ehemals dämonischen, jetzt tierischen Schützlinge fest und fühlten sich ihnen dabei verbundener denn je. Zu sehen, wie die Daeva sich von ihrer herablassenden Überheblichkeit lossagten, erfüllte Fyndaryons Herz mit Freude, und er gab ihnen fortan den Titel Sillva, „Wächter der Welt“.
Am erstaunlichsten von allen aber waren die Götter, deren Gestalten oft nur entfernt an die von Fyndaryon erinnerten. Manche von ihnen waren größer als er und breiter als Ollimm, andere hatten tierische Merkmale, und wieder andere waren in ihrer Erscheinung gänzlich einzigartig. Während aber die meisten Tiere und Sillva auf Fyndaryl ihre Fähigkeit verloren, Magie zu verwenden, waren ausnahmslos alle Götter dazu in der Lage, wenn auch in einem geringeren Ausmaß als zuvor. Als ehemalige magische Quellen hatten sie dafür eine beachtliche Wirkung auf das Wachstum der Welt selbst.
Wo früher nur grasige Wiesen die Hügel Fyndaryls bedeckt hatten, wuchsen nun Bäume, Sträucher, Kräuter, Büsche, Blumen und allerlei andere Pflanzen, deren Vielfalt zu Fyndaryons großer Freude unerschöpflich schien. Die erste Welt hatte sich mit neuem, buntem Leben gefüllt und war buchstäblich aufgeblüht.
Ollimm und Fyndaryon glaubten sogar, auf ihren Reisen vereinzelt Leviathana erspäht zu haben. Ihr Verdacht wurde von den Berichten der Sillva gestützt, doch da die mächtigen Wesen sehr zurückgezogen lebten und kein Unheil anrichteten, beschlossen die beiden Wanderer, nicht aktiv nach ihnen zu suchen. Allerdings fiel ihnen auf, dass dort, wo ein Leviathan hauste, eigenartige Pflanzen wuchsen und die Tiere sich oft sehr ungewöhnlich verhielten.
So entstand Eden. Ein Ort und eine Zeit, die als der „Garten der Götter“ in die Geschichte eingehen würden.
Doch Fyndaryons Ruf hatte nicht nur seine Geschwister angelockt. Eine uralte Gottheit, die nach Primeyras Tod dessen Schwarm für leichte Beute gehalten hatte, hatte ebenso ihren Weg an die Grenzen Fyndaryls gefunden. Kuze, die Nebelschlange, Schöpferin der Agua, Quelle der blauen Färbung des Chaos, besah sich die erste Welt aus der Ferne und hatte beobachtet, wie Ollimm und seine Geschwister in deren Oberfläche eingetaucht waren.
Sie wusste nicht, ob Primeyras Schützlinge ihre Existenz aufopferten, um einen neuen Gott mit ihrer Essenz zu nähren, oder ob diese fremdartige Erscheinung einen Schutz gegen Angreifer bieten sollte, aber es war ihr auch egal. So oder so würde ihrer Magie nichts standhalten können.
Kuze hatte es nie leiden können, auf eine physische Form festgelegt zu sein. Als sie mächtig genug geworden war, ihre eigene Färbung des Chaos zu schaffen, hatte sie ihren gesamten Körper ihrer Magie, der Agua, hingegeben. Nun bestand ihre schlangenartige Gestalt vollständig aus Wasser. Da sie ihre gesamte Macht brauchte, um ihren eigenen Körper zu beherrschen, konnte sie damit zwar keine Domäne beanspruchen wie andere Götter, war aber praktisch unzerstörbar geworden. Darüber hinaus war sie in der Lage, ihre Form über weite Strecken auszubreiten, indem die Wassermassen zu einem dünnen Nebel zerstoben.
So gewaltig war die Schlange in ihrer Nebelgestalt, dass ihr Maul sich weit genug öffnen konnte, um die gesamte Welt Fyndaryls auf einmal tief in ihrem Schlund verschwinden zu lassen. Kaum hatten Kuzes Lippen sich geschlossen, sah sie sich bereits als Siegerin eines Kampfes, der keiner gewesen war. Der Nebel ihres Körpers verdichtete sich, während sie sich selbst um die Welt wand, und fand wieder zu seiner ursprünglichen Form zurück. Primeyras Erbe würde in ihrem Inneren von den gnadenlosen Wassermassen ihres eigenen Körpers zerquetscht und zermahlen werden, bis dessen Form vernichtet war und das darin gebundene Chaos ihre eigene Macht nährte. Sie würde dafür nichts weiter tun müssen, als abzuwarten. Noch nie hatte sich ein chaosgeborenes Wesen aus ihrem tödlichen Griff befreien können und keine Magie war in der Lage gewesen, ihrer wechselhaften Gestalt ernsthaften Schaden zuzufügen. So siegessicher war die Nebelschlange, dass sie ihren Irrtum erst bemerkte, als es längst zu spät war.
Denn Fyndaryons Schöpfung war ungleich allem, was zuvor in der Leere existiert hatte, und folgte seinen eigenen Gesetzen.
Kuze erlegte ihre Opfer, indem sie ihren Nebelkörper zusammenzog, bis sich immer dichtere Wassermassen daraus bildeten. Die physischen Körper ihrer Beute wurden unter dem daraus entstehenden Druck zerquetscht. Gleichzeitig umflossen ihre inneren Gewässer die Gefangenen in solch schnellen Strömen, dass selbst die hartnäckigsten Widersacher allmählich zerrieben wurden.
Der einzige Fluchtweg aus dem tödlichen Bauch der Schlange war der Tod. Kein noch so massiver Körper konnte darin bestehen, keine noch so mächtige Magie war stark genug gewesen, einen Ausweg in ihre Gestalt zu reißen.
Und doch zeigte Fyndaryl keinerlei Anzeichen davon, unter ihrem unerbittlichen Angriff zu schwinden. Ganz im Gegenteil.
Kuze spürte nicht den hoffnungslosen Widerstand eines unterlegenen Gegners, der um sein Überleben kämpfte. Vielmehr war ihr, als würde die verschlungene Welt ihre Magie begrüßen, ja sogar nach mehr davon verlangen. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie nicht in der Lage war, den nötigen Druck aufzubauen, um die physische Form Fyndaryls in ihrem Inneren zu zermalmen, egal, wie sehr sie sich auch bemühte.
Und dann verstand sie. Sie begriff, welchen Fehler sie gemacht hatte und wusste sofort, dass es viel zu spät war, sich vor dem zu retten, was nun folgen würde.
Sie hatte versucht, die erste Welt mit ihrer Magie zu verschlingen, doch stattdessen wurde ihre Magie von der Welt selbst verschlungen. Jeder Tropfen ihres Wesens wurde unerbittlich in Fyndaryls Inneres gesogen und sie hatte bereits viel zu viel ihrer Gestalt verloren, um sich noch davon lösen zu können. Kuzes Schicksal war besiegelt.
Während die Nebelschlange ihrem unausweichlichen Untergang entgegensah, waren die Bewohner der ersten Welt mit den Auswirkungen ihres Angriffs beschäftigt. Was früher ein klarer, sternübersäter Himmel gewesen war, wirkte nun wie eine undurchdringliche, hellblaue Wand, die den Blick auf die Leere versperrte. Regen prasselte laut aus allen Richtungen auf die Welt nieder und schien nie mehr aufhören zu wollen. Pfützen und Rinnsale wuchsen zu Seen und Flüssen und bedeckten ganze Landstriche Fyndaryls. Viele Tiere, Sillva und Götter mussten ihre Lebensräume auf der Flucht vor den Wassermassen evakuieren und sorgten sich darum, was sie wohl tun würden, wenn auch die Hügel, auf denen sie Zuflucht gefunden hatten, unter der steigenden Wasseroberfläche verschwanden.
Zu ihrem Glück mussten sie die Frage nie beantworten.
Nachdem die Sintflut endlich ein Ende gefunden hatte, stellten sie erleichtert fest, dass nicht alles, was die Regenfälle zu begraben versucht hatten, verloren war. Die meisten ihrer Ländereien kamen wieder zum Vorschein, als das Wasser langsam aber stetig im Boden versickerte. Dennoch hatte sich das Antlitz Fyndaryls unwiederbringlich verändert. Seen und Flüsse unterbrachen die grünen Wogen der Landschaft und spiegelten das Blau des neuen Himmels wider, der keinerlei Anzeichen dafür zeigte, zu seiner alten Form zurückzukehren.
Fyndaryon und Ollimm gingen erneut auf Reisen. Sie stellten fest, dass die Ankunft des Wassers zur Entstehung neuer Tiere und Pflanzen geführt hatte. Auch lernten sie, dass die Seen von Flüssen genährt wurden, die aus Quellen in den Hügeln entsprangen. Woher das Wasser kam, das die Quellen füllte, war ihnen jedoch ein Rätsel.
Als sie von einem Gewässer hörten, das größer und tiefer sein sollte als alle Seen dieser Welt, machten sie sich auf den Weg, das „Meer“ zu sehen. So kam es, dass sie an einer Küste der großen See standen und auf das Wasser hinausblickten, das sich bis an den Horizont erstreckte, als sie Zeugen eines unerwarteten Schauspiels wurden.
Aus dem steten Wellengang des Meeres heraus begann sich eine Gestalt zu formen, deren Unterleib sich in einem geradezu hypnotischen Takt hin und her bewegte, während sie auf Fyndaryon und Ollimm zukam. Die obere Hälfte ähnelte Fyndaryons Erscheinung, hatte jedoch hellblaue Haut, und die untere Hälfte war ein schuppiger, langer Unterkörper, der sich mit eleganten Windungen in Richtung Land bewegte.
Kuze hatte sich einen neuen Körper aus dem Wasser geschaffen. Eine Göttin, die so mächtig gewesen war, dass sie ihre eigene Magie ins Innere Fyndaryls getragen hatte. Die erste, die jenen Titel tragen würde, den fortan alle Gottheiten beanspruchten, die ihrer Macht ebenbürtig waren.
Kuze, die Nebelschlange, Quelle der Agua, war als erste Titanin der neuen Welt nach Fyndaryl gekommen.