Blogcast
Niemand kann wissen, woher die erste Idee stammte. Niemand kann wissen, was den immerwährenden Sturm des Chaos auslöste, der die einstige Leere des Seins füllte.
Doch in den Chroniken von Fyndaryl steht niedergeschrieben, was folgte, als die beiden miteinander verschmolzen.
Primeyra, das erste Kind des Sturms, nahm Gestalt an und lernte so das erste und einzige Naturgesetz, welchem nicht einmal das Chaos selbst sich zu widersetzen vermag: Wo immer der Funke einer Idee das Feuer des Lebens entfacht, werden unweigerlich weitere folgen. Und so kam es, dass Primeyra sich schon bald umgeben sah von anderen Wesen, die der Vereinigung aus Idee und Schaffenskraft entsprungen waren. Jedes davon war einzigartig in seiner Natur und Gestalt. Das Echo ihres Ursprungs hallte in dem Sturm des Chaos wider und breitete sich unaufhaltsam aus. Für eine kurze Zeit war das Leben der Chaosgeborenen voll von Neugier und Wunder. Sie konnten nicht vorhersehen, dass der Frieden nicht andauern würde.
Als Kreaturen, die aus dem Chaos geboren wurden, waren sie auf ebenjene Kraft angewiesen, um ihre Existenz aufrechtzuerhalten. Die Macht des Chaos erschien ihnen schier unendlich. Doch wo die Kinder des Sturms geboren wurden, waren seine Kräfte in deren Formen gebunden. Als Primeyra und dessen Nachfolger verstanden, wie ihnen geschah, versuchten sie, dem dichten Gedränge ihrer Artgenossen zu entfliehen, um Orte zu finden, wo das Chaos noch unberührt war. Sie unterschätzten, wie schnell das Echo einer Idee sich verbreiten kann. Wohin auch immer sie reisten, fanden sie nur mehr und mehr Chaosgeborene, deren Existenz die Mächte, aus denen sie geschaffen waren, für sich beanspruchten. Während die jüngsten unter ihnen noch sich selbst und ihre Artgenossen erforschten, begannen die Ältesten ihrer Art, um ihr eigenes Überleben zu fürchten.
Die Ersten der Chaosgeborenen berieten darüber, was sie nun tun sollten. Einige waren der Meinung, dass sie nicht nur die Ersten, sondern auch die Großartigsten ihrer Art waren und somit Vorrang gegenüber ihren Nachfolgern hätten, wenn es um das Fortführen ihres Lebens ging. Waren sie nicht der Ursprung allen Seins? War es nicht die Pflicht ihrer Nachkommen, sich für ihren Erhalt zurückzuhalten, ja sogar zu opfern, falls es notwendig würde? War es nicht schon ein Affront, der einem Verbrechen gleichkam, dass die Neuankömmlinge es überhaupt wagten, mit ihrer Existenz das Überleben ihrer Vorfahren in Gefahr zu bringen? Verdienten sie es nicht, für ihre Untaten bestraft zu werden? War es nicht sogar notwendig, ein Exempel zu statuieren, um zukünftigen Frevlern zu zeigen, was all jenen drohte, die das Verbrechen des Überlebens auf Kosten ihrer Artgenossen begingen?
Primeyra blieb stumm. Es verstand die Denkweise seiner ältesten Artgenossen nicht und war schockiert, als sie sich auf die Jüngeren stürzten und deren Gestalten zerstörten, um das darin gebundene Chaos freizusetzen. Ebenso schnell, wie das Leben sich ausgebreitet hatte, wütete nun der Tod wie ein Lauffeuer unter den Kindern des Sturms. Jene, welche nicht von ihrer eigenen Art verschlungen wurden, waren von einem Hunger ergriffen, der nicht mehr dem Wunsch nach Überleben entsprang.
Trunken von der Macht des Chaos, das sie ihren unterlegenen Artgenossen entrissen, fielen sie übereinander her und wuchsen weit über ihre Anfänge hinaus, getrieben von einem Verlangen nach mehr. Geblendet von ihrem Mordrausch bemerkten sie nicht, dass sie nur die Gestalt ihrer Opfer vernichten konnten. Die Idee, die sie geformt hatte, überdauerte. Mit jeder verschlungenen Essenz ließen sie nicht nur alte Grenzen, sondern auch ihr altes Wesen hinter sich, um etwas Neues zu werden, etwas Größeres, dessen Existenz geprägt war von den Ursprüngen und Erinnerungen all jener, die ihnen im Kampf ums Überleben unterlagen.
Während die frühen Chaosgeborenen kaum in der Lage gewesen waren, eine klare Form anzunehmen, erreichten sie mit ihrem Wachstum neue, höhere Ebenen des Seins.
Einige unter ihnen begannen damit, über ihre Leben zu sinnieren, ihre Ursprünge zu hinterfragen, und entwickelten Visionen für ihre Zukunft. Die Daeva waren mit einer Weisheit gesegnet, die es ihnen erlaubte, sich selbst gegen jene ihrer Artgenossen durchzusetzen, gegen die sie im direkten Kampf nicht hätten bestehen können.
Andere hingegen gaben sich immer weiter ihrer Natur hin, schärften ihre Instinkte und ihre Gestalt passte sich an ihre Überlebenskämpfe an. Die Dämonen waren zwar weniger weise als die Daeva, besaßen dafür aber Körper, die von Natur aus tödlicher waren, sei es durch überlegene Kraft, Klauen, Reißzähne oder Stacheln.
Die Möglichkeiten, eine Form zu finden, die das eigene Überleben sicherte, indem sie potenziellen Widersachern ein jähes Ende bereiten konnte, schienen so endlos wie die Leere selbst. So wie sich die Chaosgeborenen veränderten, veränderte sich auch ihr Konflikt.
Dämonen rotteten sich in Horden zusammen, um gemeinsam zu jagen und einander zu beschützen, solange es genug Beute gab, oder eben übereinander herzufallen, wenn es die Situation erforderte. Die meisten Daeva formten organisierte Gruppen, die die Natur der Dämonen untersuchten, um sie entweder auszulöschen oder zu unterwerfen. Ihre Gemeinschaften waren allerdings ebenso damit beschäftigt, sich gegenseitig zu untersuchen, um einander entweder auszulöschen oder zu unterwerfen.
Lange Zeit schien es so, als habe die Evolution des Chaos ihren Zenit erreicht. Die Dämonen wähnten sich die Gefährlichsten unter ihren Artgenossen, während die Daeva sich selbst aufgrund ihrer hochgeschätzten Weisheit als die höchste, nobelste und überlegene Lebensform betrachteten. Ihr Hochmut lag allein darin begründet, dass sie noch nicht lange genug gelebt hatten, um eine Lektion in Demut zu lernen.
Denn während die Chaosgeborenen unaufhörlich übereinander herfielen, hatte Primeyra sich nie dazu verleiten lassen, dem Leben seiner Geschwister ein jähes Ende zu bereiten, um sich davon zu nähren. Stattdessen verteidigte es seine schwächeren Artgenossen, so gut es konnte, was schon bald dazu führte, dass es von einer Vielzahl geringerer Chaosgeborener umschwärmt wurde. Doch auch das erste Kind des Sturms konnte es nicht vermeiden, Chaos in sich aufzunehmen, das erst durch den Tod eines anderen wieder freigesetzt worden war.
Das Leben Primeyras war lange Zeit von Verlusten und dem verzweifelten Versuch geprägt, so viele seiner Schützlinge wie möglich zu verteidigen. Der Schmerz wurde nur schlimmer und schlimmer mit jeder Essenz eines Verstorbenen, die es in sich aufnahm. Das Verlangen nach Zuflucht für sich und seinen Schwarm wuchs im ersten Kind des Sturms ebenso stark wie dessen Macht, bis es schließlich aus ihm herausbrach. So gewaltig waren seine Kräfte gewachsen und so stark das geballte Echo jener Seelen, die sich in ihm vereint hatten, dass Primeyra begann, die Leere mit einer anderen Energie als dem Chaos zu füllen: Fyn, die erste Farbe der Magie.
In alle Richtungen drang sie aus Primeyra heraus, umhüllte es und seinen Schwarm und nahm ihren eigenen Raum in der Leere ein. Wo Sturm und Magie aufeinanderprallten, fügte sich das Chaos widerstandslos und erstrahlte in seiner neuen Farbe. Dieses Aufleuchten wurde unter den Chaosgeborenen schnell zu einem Signalfeuer, denn wo die Magie die Leere dominierte, war kein Chaos mehr zu finden. Primeyras Schwarm allerdings gab sich dessen Magie hin und nährte sich fortan von der Energie, die sein Beschützer verströmte. In dieser angepassten Form waren sie in der Lage, die Magie ihrer Domäne zu befehligen, was ihnen gegenüber Eindringlingen gewaltige Vorteile brachte.
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte standen die Chaosgeborenen der Macht einer Gottheit und dem Einsatz magischer Kräfte gegenüber. Doch so wie das Echo von Primeyras Geburt durch den Sturm gehallt war, würde nun auch die Schaffung der Magie nicht für sich allein stehen. Andere Daeva wurden ihrerseits mächtig genug, um eine eigene Domäne für sich zu beanspruchen und sich selbst als Gott zu bezeichnen. Doch anders als das von Primeyra bestand deren Gefolge nicht aus friedliebenden Schutzbedürftigen und ihre Magie trug eine andere Färbung als die des Fyn.
In ihrem Eifer, sich selbst in die Ränge der Götter zu erheben, zögerten viele Daeva anfangs nicht lange, sich gegen ihren Anführer zu wenden, dessen Leben zu beenden und dessen Magie unter sich aufzuteilen. Allerdings mussten sie feststellen, dass die gefärbte Lebensenergie weitaus weniger zu ihrem Wachstum beitragen konnte als das rohe Chaos, aus dem sie geschaffen waren, weshalb das Ableben ihres alten Gottes nicht unbedingt den Aufstieg eines neuen bedeutete. Zu ihrem Entsetzen stellten die Verräter obendrein fest, dass die Magie, mit der sie sich und ihr Territorium verteidigten, ohne eine Gottheit, die sie aufrechterhielt, wieder zu ihrer ursprünglichen Form zurückkehrte. Das plötzliche Erscheinen von so viel rohem Chaos inmitten der magisch dominierten Domänen war ein Garant für eine Schlacht um das unbesetzte Territorium. Eine Schlacht, die ein loses Bündnis aus Daeva und Dämonen ohne Gott und Magie niemals würde gewinnen können.
In ihrer Panik waren die nun gottlosen Chaosgeborenen gezwungen, entweder zu fliehen, sich der Gnade eines Feindes auszuliefern oder gegeneinander zu kämpfen und dabei auf ihren Aufstieg ins Göttertum zu hoffen. In den meisten Fällen folgte dem verfrühten Ableben eines Gottes auch der Untergang seines Gefolges.
Aus den Überlebenden dieser frühen Phase des Magiekriegs formte sich eine Kaste der Chaosgeborenen, die sich selbst allen anderen überlegen sah.
In ihrer Vermessenheit glaubte diese neue Generation der Götter, dass sie sich vor den Dämonen nun nicht mehr fürchten müssten, da sie diese nicht für im Stande hielten, selbst zu einer Quelle der Magie zu werden. Sie umgaben sich selbst mit dämonischen Armeen und nährten sie mit allem, was sie entbehren konnten, um die Daeva in Schach zu halten und schließlich gegen andere Götter in die Schlacht zu ziehen. Doch Magie war auf ihre eigene Weise immer noch eine Form von Chaos. Viele Götter ließen ihre dämonischen Diener gegeneinander kämpfen, um die Stärksten unter ihnen auszumachen und sich der Schwächsten zu entledigen.
So wie schon die Daeva und Dämonen sich auf diese Weise aus den Chaosgeborenen heraus geformt hatten, schufen die Götter so ihre eigene Geißel. Die Leviathana waren den Göttern ebenbürtig und ebenfalls in der Lage, mittels Magie eine Domäne zu beanspruchen. Und als ehemalige Dämonen würden sie sie nicht mit ihren Peinigern teilen.
Viele Götter waren samt ihrem Gefolge in den Schlachten zwischen den magischen Domänen gefallen, doch das Erscheinen der Leviathana kostete mindestens ebenso viele Chaosgeborene das Leben.
Die magischen Kriege verliehen dem ohnehin schon brutalen Konflikt unter den Chaosgeborenen ein neues Ausmaß an Zerstörung. So gewaltig waren die Kräfte, die nun aufeinanderprallten, dass selbst Primeyra ihnen zum Opfer fiel. Der Verlust des ersten Kindes des Sturms traf dessen Schützlinge hart, doch unter ihnen befanden sich bereits andere Götter, die sich selbst und ihren Schwarm verteidigen konnten. Eine Gottheit unter ihnen war von Primeyras Verlust besonders erschüttert.
Fyndaryon hatte noch nie das Leben eines anderen Chaosgeborenen genommen und wäre nicht einmal dazu fähig gewesen, um sich selbst oder andere zu retten. Als sein Beschützer starb, fürchtete es um sein Überleben, denn es war sich der Loyalität seiner Geschwister nicht sicher.
Doch es hatte Glück.
Primeyras Tod entließ eine gewaltige Menge an Magie, die selbst die ältesten Götter des Schwarms überwältigte. Diese unerwartete Kraft erfüllte Fyndaryons Seele und traf auf dessen Wunsch nach einem Ort, an dem der Krieg der Chaosgeborenen es nicht erreichen würde. Ohne dass es wusste, wie ihm geschah, strömte die Magie unkontrollierbar durch seine Gestalt und formte sie neu. Es war das Ende Fyndaryons, doch es war nicht dessen Tod. Geboren aus einer gewaltigen Explosion aus Fyn-Magie, bestimmt von dem Wunsch nach Zuflucht und benannt nach ihrer Schöpfergottheit, nahm die erste Welt ihren Platz in der Leere ein. Ein Ort des Lebens, des Wachstums und des Friedens.
Fyndaryl.