Schattenfall

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Die Nebelschlange war gefallen.

Fyndaryl hatte ihrer Magie nicht nur standgehalten, sondern sie ihr auch noch geraubt. Sie besah sich der beiden Fremden, die das klägliche Echo ihrer Gestalt mit offenem Mund anstarrten, während sie sich aus dem Wasser erhob. Es war nicht ihre Absicht gewesen, einen Körper anzunehmen, doch etwas zwang sie dazu. Vielleicht war es der Verlust ihrer Macht, vielleicht war es die Welt selbst – sie wusste es nicht, doch es spielte keine Rolle mehr.

Sie hatte versucht, das Erbe Primeyras zu vernichten, und war gescheitert. Reduziert auf einen erbärmlichen Bruchteil ihrer Kräfte und in eine verwundbare Form gezwungen, war ihr Schicksal besiegelt. Sie war sich sicher, dass die beiden grünhäutigen Götter am Ufer aus dem Schwarm des ersten Kindes stammten. Der Größere war schlank und von unscheinbarer Gestalt, der Kleinere war stämmig, muskulös und trug imposante, gewundene Hörner, die aus seiner Stirn ragten.

Ihre Henker warteten bereits.

Flüchtige Gedanken an Widerstand, Flucht oder Gnadengesuche waberten durch ihren Verstand wie Nebel im Wind, und lösten sich ebenso schnell wieder auf. Sie hatte sich ihrem Ende bereits ergeben, als sie hilflos miterleben musste, wie ihre gesamte Essenz von Fyndaryl vereinnahmt wurde. Als sie schließlich das Ufer erreicht hatte, blickte sie ihren Scharfrichtern in die Augen und breitete in einer kapitulierenden Geste die Arme aus.

Ihre Gegenüber sahen einander an und blickten dann zurück zu ihr, blieben aber ansonsten regungslos.

„Hallo?“ sagte der schmalere von ihnen und klang dabei mehr fragend als grüßend.

Kuzes Kehle schnürte sich zu. Nicht genug, dass sie die Schande ihrer Niederlage überlebt hatte, jetzt wurde ihre Hinrichtung auch noch demütigend in die Länge gezogen. Sie kämpfte gegen Tränen der Scham und zwang einen Satz durch ihre Lippen:

„Worauf wartet ihr noch? Bringt es zu Ende!“

Erneut trafen sich die Blicke der beiden, bevor sie sich wieder ihr zuwandten. Sie machten immer noch keine Anstalten, sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Die Regungslosigkeit ihrer Mörder ließ ihre Aufmerksamkeit wandern und ihr Blick fiel auf das große, helle Blau hinter ihnen. Ihre Augen weiteten sich, ihr Atem stockte und sie stürmte an den beiden vorbei und den nächsten Hügel hinauf. Für einen kurzen Augenblick erwartete sie den Todesstoß in ihrem Rücken, doch der Moment kam und ging. Sie erreichte die Spitze der Anhöhe und besah sich des Ausmaßes ihrer Demütigung.

Die Kinder Primeyras hatten sich ihre Magie nicht nur angeeignet, sie hatten offenbar auch beschlossen, sie damit zu verhöhnen. Der Himmel war überzogen mit einem hellblauen Nebel, der einst ihr Körper gewesen war. Flüsse wanden sich in hämischer Imitation ihrer Schlangengestalt kreuz und quer durch das grün bewachsene Land und mündeten in Seen, aus denen Tiere und Pflanzen sich nährten. Sie drehte sich um, als sie die Schritte ihrer Peiniger hinter sich hörte, und erstarrte bei dem Anblick dessen, was den Höhepunkt ihrer Schmach verkörperte.

Vor ihr lag ein See, dessen Ausmaße sich bis an den Horizont erstreckten. Die Wassermassen spiegelten das Blau des Himmels wider, doch die Dunkelheit unter der Oberfläche ließ deren Tiefe erahnen. Sie war gezwungen, einer Schändung ihres eigenen Leichnams beizuwohnen.

Niemals hätte sie geglaubt, dass der Schwarm des ersten Kindes zu solch einer Grausamkeit fähig war.

Der Gehörnte Fyn-Gott sprach, doch sie hörte nichts als Rauschen in ihren Ohren. Sie konnte ihre Augen nicht von dem kläglichen, erbärmlichen Überrest ihrer einst so prachtvollen Gestalt lösen, die vor ihr ausgebreitet über die Welt verteilt lag. Tränen flossen über ihren Wangen. Ihre Kehle schnürte sich zu. Die Scham war so groß, dass sie schmerzte.

Als der schmalere ihrer Folterer die Hand ausstreckte und einen Schritt auf sie zutrat, brach eine Welle der Entschlossenheit über ihre Seele herein und schwemmte die Verzweiflung davon, die ihren Lebenswillen zu ertränken gedroht hatte. Mit einem lauten Schrei schoss sie vorwärts, wand sich zwischen den verfluchten Schändern hindurch und stürmte zurück in das Gewässer, aus dem sie entstiegen war. Die mickrigen Beine ihrer Verfolger waren nicht schnell genug, um mit ihrem geschwungenen Schlangenkörper mithalten zu können. Als sie das Wasser erreicht hatte, brach sie mit dem Kopf durch die Oberfläche und versank in den Tiefen des Meeres.

Ollimm und Fyndaryon standen währenddessen immer noch auf der Anhöhe, von der die Nebelschlange geflüchtet war. Sie starrten auf die Wellen, die ihre Flucht in die große See geschlagen hatte, und wussten nicht das Geringste mit den jüngsten Ereignissen anzufangen.

Kuze war einem Impuls gefolgt, als sie sich ohne zu zögern dem Wasser ausgeliefert hatte. Ihr neuer Körper mochte nur noch ein Schatten ihrer früheren Gestalt sein, doch wenigstens war er in der Lage, sich ungehindert durch deren Überreste zu bewegen. Es dauerte lange, bis sie den Grund erreicht hatte, wo sie zum ersten Mal seit ihrer Manifestation auf Fyndaryl innehielt und ihre Gedanken sammelte.

Sie war noch am Leben. Ihr alter Körper war zerstört und wie eine Trophäensammlung über die Welt verteilt worden, aber sie war noch am Leben. Sie betrachtete ihre neue Form und fühlte sich wie eine lächerliche Imitation ihres früheren Selbst. Sie schloss die Augen und suchte, ohne jede Hoffnung, nach einem Anzeichen dafür, dass ihrer Seele wenigstens noch ein Funke Magie innewohnte.

Was sie fand, ergab keinen Sinn.

Sie spürte eine Verbundenheit mit den Gewässern, die sie umgaben, und lernte schnell, dass sie deren Ströme mit Leichtigkeit kontrollieren konnte. Es war ihrer früheren Macht nicht gänzlich unähnlich, ließ sich allerdings nicht mit der absoluten Beherrschung vergleichen, die sie in der Leere gehabt hatte. Die befremdliche Magie verwirrte sie, doch eins wusste sie nun mit Gewissheit: Sie war nicht länger die Quelle der Agua und doch war diese allgegenwärtig.

Lange Zeit grübelte sie am Grund des Meeres darüber, was all das zu bedeuten hatte.

Ihre einsamen Überlegungen wurden erst unterbrochen, als sie bemerkte, dass sie nicht länger die alleinige Bewohnerin der großen See war. Ein Fisch war wie aus dem Nichts vor ihr erschienen und arglos an ihr vorbeigeschwommen, ehe er wieder in der Dunkelheit verschwunden war. Sie hatte noch nie solch eine Kreatur gesehen und starrte ihr zunächst nur verdutzt hinterher. Dann setzte sie sich in Bewegung und folgte dem, was ihres Wissens nach nur ein niederer Dämon sein konnte. Es dauerte nicht lange, bis sie das Wesen eingeholt hatte, und sie stellte fest, dass es sich nicht um einen streunenden Einzelgänger handelte.

Ganz im Gegenteil.

Der Fisch war Teil eines riesigen Schwarms gewesen, der sich chaotisch und dennoch anmutig durch das Wasser bewegte. Und das war nur der Anfang. Je länger sie durch die Tiefen und Weiten des Meeres umherstreifte, desto mehr Leben fand sie. Auf ihren Reisen begegneten ihr auch Sillva und Götter, von denen sie über das Leben an Land erfuhr und was ihre unfreiwillige Ankunft in Fyndaryl ausgelöst hatte.

Die Einwohner der ersten Welt waren ebenso überrascht gewesen wie sie selbst und mussten sich nach dem Abklingen der Sintflut an den Verlust des alten und die Entstehung des neuen Lebensraums anpassen. Es wurde zunehmend deutlich, dass der ehemalige Schwarm Primeyras über das, was mit ihrer titanischen Gestalt geschehen war, ebenso wenig Einfluss gehabt hatte wie sie selbst.

Ursprünglich war es Kuzes Absicht gewesen, sämtliches Leben zu vernichten, das sich in die Überreste ihres früheren Körpers wagte. Sie hatte nur so lange warten wollen, bis sie Antworten auf die vielen Fragen gefunden hatte, die sie seit ihrer Neuerschaffung plagten. Doch mit jeder Begegnung wuchs eine Erkenntnis in ihr, die sie ihren Plan überdenken ließ.

Ohne es zu beabsichtigen, hatte die Nebelschlange mit der Erschaffung des Meeres ihr eigenes Reich geschaffen. Eine Domäne, die kein Bewohner Fyndaryls ihr streitig machen konnte. Ein Gefolge, das aus Wesen bestand, die sich an das Leben im Wasser angepasst hatten und sie als ihre Herrscherin akzeptierten. Sie besaß alles, was sie niemals hatte haben wollen.

Lange Zeit wusste sie nicht, was sie als Nächstes tun sollte, also beschloss sie, sich zurückzuziehen und ihr Reich vorerst sich selbst zu überlassen. Sollte sie sich doch noch entscheiden, die große See für sich alleine zu beanspruchen, war sie zuversichtlich, dass keiner der Meeresbewohner ihr gewachsen war, nicht einmal die Götter und Leviathana.

Während das Leben Fyndaryls sich allmählich von den Folgen der Sintflut erholte, verbreitete sich die Nachricht vom Schicksal der Nebelschlange unter den Chaosgeborenen. Die erste Welt war seit ihrer Erscheinung für gewöhnlich gemieden worden. Was nach Primeyras Tod aus dessen freigesetzter Magie geschaffen worden war, musste sehr mächtig sein und war potenziell gefährlich. Dieser Verdacht wurde nur bestätigt, als die Quelle der Agua dieser seltsamen Schöpfung unterlegen und von ihr verschlungen worden war.

Vielleicht war es die Ironie ihres Untergangs oder das Ausmaß des Aufruhrs, den Kuze mit ihrem gescheiterten Angriff ausgelöst hatte, doch die Gerüchte und Geschichten darüber erreichten selbst die schwärzeste Dunkelheit der Leere. Und die Dunkelheit lauschte.

Wenig ist bekannt über die Geschichte von Thulgoth, dem Schatten, und jene Chaosgeborene, die etwas darüber zu erzählen wussten, wagten es nicht einmal, den Namen laut auszusprechen. Kein Gott wagte es, seine Domäne anzugreifen. Kein Leviathan riskierte seinen Schwarm, um sich zu behaupten, wenn die tiefviolette Magie ihr Territorium bedrohte.

Sie alle fürchteten die Dunkelheit.

Es war so, wie Thulgoth es schon immer beabsichtigt hatte, seit es ein Daeva geworden war. Es hatte zu oft mit angesehen, wie die hinterhältigen Machenschaften seiner Geschwister an stumpfer, dämonischer Brutalität gescheitert waren. Genauso oft hatte es den Untergang vermeintlich mächtigerer Gegner herbeigeführt, deren Überlegenheit durch Raffinesse zunichte gemacht worden war. Die Kunst des Überlebens, hatte es befunden, lag nicht in einer besseren Verteidigung, sondern in der Verhinderung eines Angriffs.

Wann immer es einen Schwarm ausgelöscht oder einen feindlichen Gott gestürzt hatte, hatte es eine geringe Zahl an Überlebenden entkommen lassen, um von seinen Taten zu berichten. Und als der Moment für es gekommen war, sich zum Gott zu erheben, war die Nacht über die Leere hereingebrochen. Seine Magie, die Noctis, nährte sich von der Angst, die ihr bloßer Anblick in den Kindern des Sturms auslöste.

Thulgoths Strategie war ein voller Erfolg. Es und sein Gefolge hatten sich nur sehr selten gegen einen Angriff behaupten müssen. Doch sein Plan hatte eine Kehrseite.

Sein Ruf als der Schrecken der Leere war seine stärkste Verteidigung. Wäre es der Schatten gewesen, der der Nebelschlange ein jähes Ende bereitete, wäre er womöglich nie wieder herausgefordert worden. Doch er war es nicht gewesen. Stattdessen hatte eine Schöpfung Primeyras oder eines seiner Kinder Kuze vernichtet und ihn damit in eine ausweglose Situation gebracht.

Mied er Fyndaryl so wie alle anderen, würde dies seinem Ruf irreparablen Schaden zufügen und womöglich andere Götter ermutigen, seine Kräfte auf die Probe zu stellen. Gleichzeitig konnte er sich nicht sicher sein, dass er dort Erfolg haben würde, wo die Quelle der Agua gescheitert war. Zum ersten Mal seit langer Zeit ergriff ihn, was er nie wieder hatte empfinden wollen: Angst. Dieses Ding war im Begriff, furchteinflößender als er zu werden, und soweit er sagen konnte, hatte es nicht einmal ein Bewusstsein. Letzten Endes hatte Thulgoth keine Wahl: Es musste seinen Ruf als Schrecken der Leere verteidigen, indem es Fyndaryl vernichtete.

Sein einziger Vorteil lag in dem, was er aus dem Fehler der Schlange lernen konnte. Soweit der Schatten wusste, hatte die erste Welt ihre Magie verschlungen, und da praktisch ihr gesamter Körper daraus bestanden hatte, hatte sie keine Möglichkeit gehabt, sich von dem Sog loszureißen. Thulgoth hingegen setzte darauf, seine Domäne möglichst weit auszubreiten. Hätte es nach seinem Aufstieg ins Göttertum jemals ein Feind zu Stande gebracht, ihm zu nahe zu kommen, wäre es in ernsthafter Gefahr gewesen. Doch dafür hätte ein Angreifer eine lange Strecke durch die undurchsichtige und hochgiftige Noctis zurücklegen, Kämpfe gegen seine Untertanen gewinnen und dann auch noch sein Versteck in dem gewaltigen Schattenreich ausfindig machen müssen. Es war seine zweite und letzte Verteidigungsstrategie in den seltenen Fällen gewesen, in denen sein Ruf alleine nicht ausgereicht hatte.

Es brauchte also eine Strategie, mit der es Fyndaryl zu Fall bringen würde, ohne sich währenddessen einem potenziellen Angreifer auszuliefern. Nachdenklich betrachtete es die himmelblaue Wand, die das Welteninnere von seinem Blick abschirmte, und fragte sich, ob die Schlange tatsächlich vernichtet war oder die Welt einfach nur erobert hatte. Doch für sein Vorhaben spielte das keine tragende Rolle.

Langsam aber stetig waberten die Schatten auf Primeyras Erbe zu und formten eine Speerspitze, die aus Thulgoths Domäne herausragte und sich in den Himmel bohrte. Als das Wasser sich dort verdunkelte, wo es von der Noctis berührt wurde, wusste der Schatten, dass sein Plan funktionieren würde. Von hier an würde er nichts weiter brauchen als Geduld.

Auf Fyndaryl dauerte es lange Zeit, bis die langsam wachsende Finsternis am Himmel groß genug geworden war, um von dessen Bewohnern überhaupt bemerkt zu werden. Erst als der Schattenregen fiel, verstanden sie dessen Bedeutung.

Wo das dunkle Wasser landete, litt das Leben. Tiere wurden krank, Pflanzen starben. Und weder Sillva noch Götter hatten eine Antwort auf die neue Bedrohung. In ihrer Not sanden die Betroffenen Boten zu Fyndaryon und Ollimm, die zwar halfen, so gut sie konnten, aber ebenso wenig in der Lage waren, dem giftigen Regen ein Ende zu setzen.

Kuze, in ihrer Abgeschiedenheit, erfuhr von den Ereignissen erst, als die Schatten bereits großen Schaden angerichtet hatten und einen beachtlichen Teil des Himmels verdunkelten. Sie hatte von Thulgoth gehört und verstand sofort, dass sie, ihr neues Reich und ganz Fyndaryl qualvoll verenden würden, wenn sie nichts unternahm.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in der ersten Welt machte sie sich auf den Weg an die Oberfläche, um den Schöpfergott aufzusuchen. Wenn es noch Hoffnung gab, würde sie seine Hilfe brauchen. Sie hatte seit ihrer ersten Begegnung viel über ihn gehört und wusste, dass seine friedliebende Natur ihn daran hindern würde, zu tun, was getan werden musste.

Sie hingegen hatte keine Skrupel, den Schatten dafür zu bestrafen, dass er ihre Magie für seine feigen Taktiken missbrauchte.

Als sie Fyndaryon schließlich gefunden hatte, umgeben von dem Leid und Elend, das der Regen brachte, erklärte sie ihm, was vor sich ging, und was sie zu tun gedachte, um dem finsteren Treiben ein Ende zu setzen. Der Schöpfer der Welt sah keinen anderen Ausweg, als der Titanin zu vertrauen und ihr Vorhaben zu unterstützen, auch wenn es ihm widerstrebte.

Die beiden gaben einander die Hände und Kuze wäre beinahe von Fyndaryons Magie überwältigt worden, als er sie mit ihr teilte. Das Ausmaß seiner Macht schockierte sie, doch sie hatte keine Zeit zu verlieren und wandte ihren Blick gen Himmel. Durch ihre eigene Magie hatte sie eine Verbindung mit dem Meer gespürt, solange sie unter Wasser war, doch durch ihre Verbindung mit dem Schöpfergott nahm sie nun jeden Tropfen ihres alten Körpers wahr, den Fyndaryl für sich beansprucht hatte. Selbst die, die den Blick auf die Leere versperrten.

Sie fühlte das Leid, das der finstere Regen auslöste. Die Angst, die jedes Lebewesen ergriff, das zu der Dunkelheit über ihnen hinauf blickte. Sie spürte die Verderbnis, die ihren Himmel befallen hatte.

Und es widerte sie an.

Kuze rief alle Wässer der Himmel zusammen und ließ sie an den Schatten entlang in die Leere hinaus fließen. Sie konnte ihr Ziel nicht sehen, doch mit ihren verstärkten Sinnen konnte sie Thulgoths abstoßende Magie spüren, als wäre sie wieder in ihrem alten Körper. Wie ein gigantischer Tentakel tastete sich das Wasser an dem Schattenspeer entlang, bis es schließlich die dunkle Domäne erreichte und sich darin in seiner Nebelform ausbreitete.

Aus allen Richtungen flossen die Gewässer des Himmels auf den Punkt zu, von dem die Schatten sich ausgebreitet hatten, und gaben dabei den Blick auf die Leere frei. So wurden Ollimm und viele andere Götter und Sillva Zeugen des Kräftemessens zwischen Noctis und der Fyn-gestärkten Agua.

Es war Kuzes Absicht gewesen, Thulgoths Domäne mit ihrer Magie zu fluten und den Schattengott zu überwältigen, doch sie hatte die Ausmaße seines Reichs unterschätzt. Selbst in ihrer früheren Form war sie nicht sicher, dass ihr Vorhaben gelungen wäre, und beschränkt auf die Gewässer des Himmels war der Versuch aussichtslos.

Also würde sie ihr eigenes Reich riskieren müssen, um die Schattendomäne zu bezwingen.

Ein dichter, undurchdringlicher Nebel stieg aus der Oberfläche des Meeres auf und trieb mit unnatürlicher Geschwindigkeit nach oben, wo er sich wieder verdichtete und wie ein Fluss am Himmel entlang Richtung Schattenquelle floss. Kuze war bereit, jeden Fluss und jeden See Fyndaryls trocken zu legen, wenn es notwendig würde.

Währenddessen rang Thulgoth mit sich selbst, wie es auf den unerwarteten Angriff reagieren sollte. Es konnte die Verbindung zu Primeyras Erbe trennen und die Flucht ergreifen, doch was würde das bringen? Es hatte darauf geachtet, seine Magie sparsam einzusetzen, doch die erste Welt hatte sich als weitaus widerstandsfähiger erwiesen, als es sich je hätte vorstellen können. Der Angriff hatte mehr Zeit und Kraft gekostet als geplant. Seine Späher hatten ihm berichtet, dass sich bereits mehrere Gottheiten in Position gebracht hatten und auf den Ausgang des Konflikts warteten, zweifellos in der Hoffnung, über einen angeschlagenen Sieger herzufallen. Eine Flucht war möglich, aber gefährlich, und würde den anderen Chaosgeborenen zeigen, dass der Schatten der Leere nicht unbesiegbar war.

Seine Überlegungen ließen schließlich nur einen Schluss zu: Sieg oder Untergang.

Sein Angriff hatte die Welt zwar noch nicht zerstören können, musste jedoch Wirkung gezeigt haben, sonst hätte die Nebelschlange nicht zum Gegenangriff ausgeholt und dafür die hellblaue Schutzwand aufgelöst, die Fyndaryl umgab. Also trat Thulgoth die Flucht nach vorne an und warf ihr alle Kraft entgegen, die ihm noch geblieben war. Seine Domäne krümmte sich unter der Anstrengung und färbte die entgegenströmenden Wassermassen in ein tiefes Violett, während die geballte Macht des Schattens auf Fyndaryl zustürzte.

Kuze verzweifelte, als sie die überwältigende Macht spürte, die durch ihre Gewässer auf sie zu raste. Der Schatten musste ihren Plan durchschaut haben und beabsichtigte offenbar, sie alle zu vernichten, bevor sie ihn finden konnte. Für einen kurzen Augenblick wurde sie von der Angst überwältigt, dieses Mal ihrem tatsächlichen Ende entgegenzublicken. Dann strömte eine Energie aus Fyndaryons Seele in ihre eigene, die sie überraschte. Eine Zuversicht, die sie nicht erklären konnte.

Ihre saphirblauen Augen blickten in seine smaragdgrünen und für einen kurzen Augenblick schien die Welt stillzustehen. Seine Präsenz vertrieb die Angst, die sie gelähmt hatte und erfüllte sie mit neuer Hoffnung. Einem Lebenswillen, der nicht der Angst vor dem Tod entsprang. Ein innerer Frieden, der von der Bedrohung völlig unberührt schien.

Und dann kam ihr ein Gedanke.

Es war die Größe der Schattendomäne gewesen, die verhindert hatte, dass sie deren Ursprung hatte ausmachen können. Doch nun, wo Thulgoths gesamte Magie in Richtung Fyndaryl strömte, wurde sein Versteck kleiner und kleiner. Ihre geschärften Sinne konnten zunehmend ausmachen, woher der Fluss der Magie kam. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis sie das Elend zerquetschen und dem Schrecken ein Ende bereiten konnte.

Ein bösartiges Grinsen teilte ihre Lippen, als ihre Suche erfolgreich war.

Aus der breiten, wässrigen Säule, die sie von Fyndaryls Himmel bis zur Schattendomäne gebaut hatte, schoss ein kleinerer Strang hervor wie eine Schlange aus ihrem Versteck, erfasste Thulgoth und klammerte sich an ihn. Ehe der Gott wusste, wie ihm geschah, baute sich ein nasses Gefängnis um ihn herum auf und hielt ihn an Ort und Stelle. Doch so sehr Kuze sich auch bemühte, sie war nicht in der Lage, ihrem Widersacher den Todesstoß zu versetzen.

Thulgoth hatte mit einem Angriff dieser Art gerechnet und die Gewässer in weiser Voraussicht mit seiner eigenen Magie durchdrungen. Er konnte der Nebelschlange die Kontrolle über das Wasser nicht entreißen, doch er konnte ihren eigenen Einfluss genug schwächen, dass sie ihn damit nicht zermalmen konnte, wie es stets ihre Art gewesen war. Das Wissen über seine Feindin, das er sich im Voraus angeeignet hatte, hatte ihn vor einem plötzlichen Tod bewahrt.

Kuze schrie sich die Frustration aus dem Leib. Sie fühlte, dass ihre Beute gefangen war. Fühlte, dass es keinen Ausweg gab. Und doch konnte sie den Kampf nicht beenden. Ihr Griff war einfach nicht stark genug. Wäre Thulgoth ein Lebewesen Fyndaryls gewesen, hätte sie lediglich abwarten müssen, bis ihm die Luft ausging und er ertrank. Doch in der Leere gab es keine Luft. Chaosgeborene atmeten nicht. Solange der elende Feigling sich dort draußen versteckte, würde sie ihn an Ort und Stelle halten können, doch währenddessen strömte seine Magie durch den Himmel und würde sie alle früher oder später zu Grunde richten.

Sie wiederholte ihren Gedanken noch einmal, als ihr dessen Bedeutung dämmerte. Wäre Thulgoth ein Lebewesen Fyndaryls…

Mit einem plötzlichen Ruck riss Kuze die Gewässer zurück und zerrte den Schattengott gewaltsam durch die Oberfläche des Himmels. Ein tiefviolettes Leuchten erstrahlte, als sein wehrloser Körper auf die Grenze zwischen der ersten Welt und der Leere prallte, doch die Nebelschlange ließ von ihrer Beute nicht ab.

In gewundenen Flüssen strömte das schattenverseuchte Wasser vom Himmel herab und zurück ins Meer. In die tiefsten Tiefen trieb sie Thulgoths Magie und ließ die geballte Masse der großen See darauf eindringen. Sobald der Schattengott einen neuen Körper manifestierte, würde er eines Großteils seiner Macht beraubt sein und ihren Kräften nicht länger widerstehen können, wenn er nicht vorher ertrank.

In ihrer Zerstörungswut hatte sie nicht bemerkt, welchen kritischen Fehler sie begangen hatte.

Als die Nebelschlange auf Fyndaryl herabgeregnet war, hatte sich ihre Magie überall auf der Welt verteilt. Doch als der Schattengott einen neuen Körper formte, war er umgeben von einer gebündelten Konzentration an Noctis inmitten ihres eigenen Reiches – wofür Kuze selbst gesorgt hatte.

Die schockierende Erkenntnis jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Wo sie die Schatten zusammengetragen hatte, verlor sie jedwede Kontrolle über das Wasser. Abermals ließ sie ihrer Frustration freien Lauf, doch dieses Mal schien die Agua Fyndaryls sich davon leiten zu lassen.

Das Meer, das sich sonst wie ein großer, stiller See über die erste Welt gespannt hatte, bäumte sich auf und schlug Wellen, als könne es seinen unerwünschten Neuankömmling damit vertreiben. Doch Thulgoth blieb an Ort und Stelle. Kuzes alter Instinkt erwachte und versuchte, die Wassermassen auszudehnen und zusammenzupressen, als wäre es ihr alter Körper.

Vergebens.

Ihre und Fyndaryons Kräfte waren erschöpft, und sie konnte spüren, wie die Verbindung der beiden nachließ. Ihr letzter, fruchtloser Versuch, dem Angreifer ein Ende zu bereiten, war gescheitert, doch ihre Magie schien den Gewässern ein Eigenleben verliehen zu haben.

Seit Thulgoth in den Tiefen des Meeres versank, ist dessen Oberfläche von Wellen übersät, während das Wasser sich vergeblich windet, um ihn zu vertreiben. So wie einst der Körper der Nebelschlange breiten sich die Wassermassen in einem ewigen Rhythmus der Gezeiten aus und fluten ihre Ufer, ehe sie verebben und das Land wieder freigeben.

Doch nicht nur Kuzes Magie hatte die große See auf ewig verändert.

Thulgoths Schatten breiteten sich allmählich darin aus und verdarben, was einst nährender Quell des Lebens gewesen war. Wer das Wasser trank, schien mit jedem Schluck davon durstiger zu werden und den Verstand zu verlieren, ehe er qualvoll zu Grunde ging. Die einst grünen Küsten des Meeres vertrockneten und starben, bis nur noch leere Strände zurückblieben, die erst lange Zeit später von neuen, andersartigen Pflanzen langsam zurückerobert wurden.

Der neue Körper des Schattengottes hatte keinerlei Schwierigkeiten damit, in den Untiefen zu überleben und seine Diener, die mit ihm in Fyndaryls Inneres gesogen worden waren, waren ebenso für ihren neuen Lebensraum geschaffen. Ihre Wiedergeburt in dem Gemisch aus Noctis und Agua verlieh ihnen furchteinflößende Gestalten, die den widrigen Umständen der Tiefsee trotzen konnten. Es dauerte nicht lange, bis sie Kuzes einstiges Reich erobert hatten. Diejenigen ihrer Anhänger, die nicht von der Verderbnis dahingerafft oder von Thulgoths Gefolge vernichtet wurden, flüchteten sich so gut sie konnten über die Flüsse hinaus in die viel kleineren Seen, die fortan ihre Heimat sein würden.

Der Untergang der ersten Welt war erfolgreich verhindert worden, doch die Nebelschlange hatte dafür einen hohen Preis zahlen müssen. Das Meer war für seine früheren Bewohner verloren und an dessen Stelle trat fortan das Schattengrab, Mar-Thulgoth.

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