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Zum ersten Mal, seit er Nibuur getötet hatte, war Yatis wieder von dem vertrauten Grün des Fyn umgeben und sein Gemüt blühte auf. All die Ängste und Sorgen, die ihn während seiner Flucht aus der Einöde heimgesucht hatten, fielen von ihm ab, als hätte jemand seine Seele in Ketten gelegt und endlich beschlossen, ihn in die Freiheit zu entlassen.
Statt unsichtbarer Schemen, die in der Leere auf ihn lauerten, begegnete er nun Chaosgeborenen, die sich wie er dem Fyn verschrieben hatten. Geschwister im Geiste und mit ihm verbunden durch den Verlust Primeyras, ihrer aller Vorbild. Vielleicht sogar seine neue Familie, glaubte er, als er herausfand, dass sein neuer Schwarm der Göttin Lethe folgte.
Lethe und Nibuur waren einander vertraut gewesen, und Yatis erkannte sogar einige Daeva aus ihrer Gefolgschaft wieder. Doch die Freude des Wiedersehens war von kurzer Dauer, denn niemand schien sich an ihn zu erinnern.
Er wäre nicht überrascht gewesen, hätte es nur an seinem Äußeren gelegen. Nach all den Leben, die er sich einverleibt hatte, hatte er jegliche Ähnlichkeit mit seinem früheren Selbst längst verloren. Doch nicht ein einziger von ihnen wusste auch nur mit seinem Namen etwas anzufangen. Nicht einmal an den Namen seines Gottes erinnerten sie sich.
Den Namen seines Gottes…
Wie war noch gleich der Name seines Gottes gewesen?
Als er zum ersten Mal versuchte, von dem Schicksal seines alten Schwarms zu erzählen, wurde ihm bewusst, dass er sich kaum noch an die Geschehnisse erinnern konnte. Er wusste, dass er etwas Einprägsames erlebt hatte, doch schienen die Details sich in einem grünen Nebel zu verstecken, der sein Gedächtnis trübte.
Auf der Suche nach seinen Erinnerungen wanderte er ziellos durch Lethes Domäne, als könnte er sie wiederfinden, wenn er nur am richtigen Ort danach Ausschau hielt. Ein kleiner Fyn-Dämon schien an ihm Gefallen zu finden. Seine schlanke, fellige Gestalt wand sich um Yatis, als versuche er seinen gesamten Körper auf einmal zu umarmen. Yatis streichelte seinen Begleiter. Dessen Fell war weich und warm. Angenehm. Die Berührung war Balsam für seine geplagte Seele. Yatis ließ sich fallen. Die Welt existierte nur noch dort, wo er das Fell seines Begleiters spürte.
Sein neuer Freund verschwand plötzlich. Yatis wandte sich um. Er war nah an der Grenze der Domäne. Sein kleiner, dämonischer Freund wand sich im Griff eines größeren Dämons. Der größere Dämon war kein Fyn-Dämon. Er war ein Eindringling. Sein felliger Begleiter wurde von dem Eindringling entführt. Verschleppt. Hinaus in die Leere. Yatis beobachtete die beiden. Yatis war traurig. Er verlor einen Freund. Er hatte schon einmal etwas verloren, und da war er auch traurig gewesen.
Yatis musste wieder vergessen. Wenn er vergaß, würde die Trauer verschwinden. Der grüne Nebel würde ihm seine Schmerzen nehmen. Er musste ihm nur seine Erinnerungen überlassen, und es würde alles wieder gut werden.
Doch wollte er das?
Wollte er vergessen? War er tatsächlich glücklich, wenn er sich dem Nebel hingab? Er wusste nicht, weshalb, doch er war sicher, dass es wichtig war, dass er sich erinnerte. Er musste sich erinnern. Er durfte nicht vergessen.
Es durfte nicht umsonst gewesen sein.
Mit einem Schlag kehrten seine Erinnerungen zu ihm zurück. Der Nebel in seinem Verstand lichtete sich und er erstarrte, als ihm bewusst wurde, was geschehen war. Er hatte tatenlos zugesehen, während ein Mitglied seines Schwarms vor seinen Augen einem Räuber zum Opfer gefallen war.
Mit seiner Magie hätte er den Angreifer spielend leicht aufhalten können, doch er war nicht einmal auf die Idee gekommen. Panisch blickte er sich um, ob er vielleicht doch noch helfen konnte, sah aber niemanden. Er war so lange in seinen Gedanken versunken gewesen, dass er den Eindringling nicht einmal mehr in der Ferne erspähen konnte.
Schuld stieg in ihm auf, und mit der Schuld kamen auch die Erinnerungen zurück, was aus Nibuur und seinem Schwarm geworden war. Auch damals hatte er viel zu spät gehandelt. Auch damals waren seine Geschwister gestorben, während er tatenlos zugesehen hatte. Ihm war, als würde er die Schrecken der Einöde ein zweites Mal durchleben, während die Tode seiner einstigen Familie sich vor seinem inneren Auge abspielten.
Schuld und Trauer und Schmerz brachen über ihn herein und drohten, ihn von innen heraus zu zerreißen. Yatis konnte nicht anders, er musste Lethes Schwarm von alldem erzählen, was abermals seinen Verstand heimsuchte. Von der Flucht, dem Sterben, den unsichtbaren Dienern der Leere, die das Reich des Todes zu verteidigen gesucht hatten. Sogar von seinem Mord an Nibuur und seinem Feldzug des Todes erzählte er, obwohl er fürchtete, wie die anderen wohl darauf reagieren würden.
Doch seine Sorge war unbegründet. Seine Zuhörer begegneten ihm mit geduldigem Verständnis. Mit einer Ruhe und Gelassenheit, die an Gleichgültigkeit grenzte.
„Wie soll ich nur damit leben, dass ich meinen geliebten Gott Nibuur getötet habe?“ brach es aus ihm heraus. Und er sah in ihren Gesichtern, dass sie den Namen schon wieder vergessen hatten.
Sie sagten ihm, er solle von der Vergangenheit ablassen, solle im Hier und Jetzt leben. Den Moment mit all seinem Wesen erfahren, solange er dauerte. Dass sein Geist wiedergeboren würde, wenn er Schmerz, Trauer und Schuld in die Vergessenheit entließ.
Und Yatis spürte, dass ihre Worte gegen seinen Willen Wirkung zeigten. Er kämpfte gegen die Versuchung, sich dieser glückseligen Gleichgültigkeit hinzugeben, die Lethes Schwarm offenbar vereinnahmt hatte, indem er mit aller Kraft am Andenken seines Schwarms festhielt.
Angst um seine neuen Geschwister überkam ihn, jetzt, da er sich deren Wehrlosigkeit bewusst geworden war, und er suchte Lethe auf, um mit ihr gemeinsam nach einem Weg zu suchen, ihren Schwarm von der gefährlichen Trägheit ihrer Sinne zu befreien.
Als er ihr alles erzählt hatte, was ihn umtrieb, wandte er sich erwartungsvoll seiner Göttin zu, und der Anblick beunruhigte ihn. Sie machte auf ihn nicht den Eindruck, dass ihr Verstand weniger benebelt war als der ihres Gefolges. Noch schlimmer aber waren für ihn die Worte, die sie an ihn richtete.
Sie erklärte ihm, dass es in ihrem Reich keinen Tod gäbe. Keine Verluste, die man erleiden konnte, keine Toten, derer man gedenken musste. Es gäbe nur das Leben, und es sei ihr Werk, ihr Geschenk an ihren Schwarm, um ihn vor den Kriegen der Chaosgeborenen zu schützen. Ein Leben ohne die Schmerzen der Vergangenheit und ohne Sorgen um die Zukunft.
Ein Leben in gleichgültiger Glückseligkeit.
Yatis erschauderte. Ihren Schwarm so zu betören, dass er die Schrecken des Krieges vergaß, noch während sie sich direkt vor ihm abspielten, war kein Schutz. Es war eine Flucht aus der Realität, ebenso fehlgeleitet wie die Flucht Nibuurs es gewesen war. Und der Daeva wusste, dass Lethes Fehler früher oder später genauso tödlich enden würde.
In seiner Seele erklangen die Echos seiner gefallenen Geschwister. Sie trieben ihn an, die Göttin aus ihrer Lethargie zu wecken, um den Bann ihrer Betörung zu brechen. Wenn er sich nur genug anstrengte, konnte er sicherlich eine Katastrophe verhindern. Wer konnte schon wissen, wie viele ihrer Anhänger sie bereits verloren und vergessen hatte? Sicherlich würde sie wieder zur Vernunft kommen, wenn sie nur die Folgen ihres Irrwegs erkannte.
Ein Schock durchfuhr Yatis und seine Gedanken überschlugen sich. Plötzlich war er wieder draußen in der Einöde, allein mit Nibuur, der seinen gesamten Schwarm hatte verhungern lassen. Der geglaubt hatte, dass er ihrer aller Leben bewahren konnte, indem er sie sterben ließ. Der nur darauf wartete, dass auch Yatis sein Ende fand.
Und er spürte aufs Neue ihre Präsenz. Sie umzingelten ihn und lauerten, drängten sich auf, ohne sich zu zeigen. Die Diener der Leere waren überall.
Es durfte nicht umsonst gewesen sein.
Bevor er wusste, wie ihm geschah, rief er seine verdrehte Magie zu sich, die er die Nekromantie getauft hatte. Eine Perversion des Fyn, die das Leben nahm, um Leben zu bewahren. Die Magie des Todbringers.
Lethes Gestalt schwand unter seinem Einfluss dahin, und so wie einst Nibuur leistete auch sie keinerlei Widerstand. In Anbetracht ihrer gebrochenen Seele hatte er es nicht anders erwartet. Die Echos seiner Geschwister hallten in seinem Inneren wider und flehten ihn an, von seinem düsteren Treiben abzulassen, doch viel lauter in seinem Geist war das Flüstern der unsichtbaren Gestalten, die ihn seit der Einöde heimsuchten.
Er hatte geglaubt, der Heimat des Todes entkommen zu sein, doch nun erkannte er, dass er sich geirrt hatte. Der Tod würde ihn einholen, wohin er auch ging. Es war unvermeidbar. Schließlich war er, Yatis, der Todbringer geworden. Doch er selbst musste überleben. Er durfte nicht sterben.
Es durfte nicht umsonst gewesen sein.
Yatis‘ Verstand klarte auf, als er spürte, dass Lethes Kräfte beinahe erschöpft waren. Vor ihm war ein kümmerlicher Schatten dessen, was einst der Körper einer Göttin gewesen war. Sie sah ihn an und er erkannte den Ausdruck in ihrem Antlitz, den er so oft hatte ertragen müssen, als er den letzten Momenten seiner Geschwister beigewohnt hatte.
Angst. Trauer. Schmerz. Sie war ihrer betörenden Magie beraubt und nun schutzlos all dem ausgesetzt, wovor sie so sehr hatte flüchten wollen.
Lethe erinnerte sich.
Doch Yatis war nicht nur von ihrem bevorstehenden Ende aus seiner tödlichen Trance gerissen worden. Ein Gefühl war in ihm aufgestiegen, wie er es zuvor noch nie erfahren hatte. Dennoch wusste er, was es bedeutete.
Macht pulsierte in ihm. Mehr, als er jemals besessen hatte. All die Chaosgeborenen, die er sich in seiner Zeit als Todbringer einverleibt hatte, hatten ihn bis an die Grenze des Göttertums erstarken lassen und Lethes Lebensenergie hatte es ihm ermöglicht, diese Grenze zu überschreiten.
Seine Zeit war gekommen, eine Entscheidung zu treffen. Würde er an den Lehren Primeyras festhalten und ebenfalls zu einem Fyn-Gott werden?
Das Fyn zog seine Stärke aus dem Willen, Leben mit aller Kraft zu bewahren, zu verteidigen und Raum für neues Leben zu schaffen, Konflikte zu vermeiden und stattdessen friedliche Lösungen zu suchen. All das, was Primeyra und sein Gefolge ausgezeichnet hatte.
Doch die Magie des Lebens hatte das erste Kind des Sturms nicht vor seinem Ende bewahren können. Yatis‘ Ansicht nach war es eben dieses verzweifelte Klammern ans Überleben gewesen, das Nibuurs und Lethes Verstand gebrochen hatte.
Er betrachtete die Fyn-Göttin, die gerade noch so am Leben war. Er fragte sich, ob seine Taten als Todbringer nicht bereits bewiesen hatten, dass es ihm als ihr Nachfolger genauso ergehen würde, sollte auch er dem Vorbild des ersten Kinds des Sturms folgen.
Doch hatte er Primeyras Philosophie nicht schon hinter sich gelassen, als er die grüne Magie missbraucht und zum ersten Mal Nekromantie angewandt hatte? War er nicht der überlebende Beweis dafür, dass aus dem Andenken der Toten mehr Kraft zu gewinnen war als aus dem krampfhaften Festhalten an einem unrealistischen Wunsch nach ewigem Frieden?
Primeyras naiver Idealismus hatte sie alle auf einen Pfad geführt, der seit seinem Tod nichts als Verderben über sie gebracht hatte. Yatis würde einen neuen Weg gehen. Einen besseren Weg. Er würde dem Fyn abschwören, auch wenn es den Verlust seiner Nekromantie bedeutete.
Er würde eine neue Magie schaffen, die den Prüfungen der Leere standhalten konnte. Eine Magie, die in der Lage sein würde, die Seelen seiner Liebsten auf alle Ewigkeit zu bewahren. Eine Magie, die den Dienern der Leere ihren Schrecken nehmen würde.
Yatis blickte sich um.
Er konnte sie sehen. Die sonst unsichtbaren Gestalten, die sich nur jenen zeigten, die dem Tod ins Auge sahen. Die die Heimat des Todes gegen das Leben verteidigt hatten. Die ihn verfolgt, ihn heimgesucht hatten. Die ihn dazu getrieben hatten, einer unschuldigen Fyn-Göttin ihre gesamte Macht zu rauben.
Er hatte keine Angst mehr vor ihnen.
Die Existenz von Yatis, dem Fyn-Daeva, endete, und Yatis, der Totengott, ließ die Leere im Licht seiner neuen Magie erstrahlen. An die Stelle des kräftigen Grüns des Fyn trat das leuchtende Rot seiner neuen Macht, der Duro, und die Diener der Leere verschwanden darin, als hätte es sie nie gegeben.
An ihre Stelle traten die Chaosgeborenen aus Lethes Schwarm. Des grünen Nebels beraubt, hatten sie sich versammelt und starrten klaren Verstandes auf das, was einst ihre Göttin gewesen war. Und auf den Gott, dessen Magie soeben ihre Domäne überwältigt hatte.
Yatis erklärte ihnen, dass sie sich nicht zu fürchten brauchten. Dass er sie aus ihrer Lethargie gerettet hatte und von nun an ihr neuer Gott sein würde. Dass er die gefährlichen Irrwege des Fyn erkannt hatte und sie auf einen neuen Pfad führen würde. Den Pfad der Duro, die ihre Kraft aus den Seelen ihrer Artgenossen schöpfen konnte, und die auch ihre Seelen bewahren würde, wenn ihre Zeit gekommen war. Dass sie nun Zeugen seiner Macht würden und sich selbst von der Wahrheit seiner Worte überzeugen konnten.
Er wandte sich der sterbenden Lethe zu.
Als ihr Körper begann, in sich zu zerfallen, wirkte Yatis seine neu geschaffene Magie und schuf aus den Überresten der Fyn-Göttin eine neue Gestalt. Es war kein Körper, wie die Chaosgeborenen ihn kannten. Er hatte keine Gliedmaßen und wären sie nicht Zeugen seiner Entstehung gewesen, hätten sie nicht einmal eine Seele darin vermutet. Seine kristalline Form war durchsichtig und tiefrot wie die Duro-Magie, die ihn geschaffen hatte, und schloss sich enger und enger um die Seele, die er beherbergte.
Als das Werk des Totengottes vollbracht war, hielt er eine rubinrote Kugel in seinen Händen, die er seinem neuen Gefolge präsentierte. Einer nach dem anderen berührten sie andächtig den Stein und spürten die Präsenz ihrer ehemaligen Göttin darin.
Yatis erklärte ihnen, dass er Lethe mit diesem neuen Körper vor dem Tode bewahrt hatte. Dass sie Grund zur Trauer hatten, denn sie hatte ihr Leben verloren, doch auch, dass ihr Verlust ihnen allen neue Kraft schenken würde.
Dass dieser erste Rubin die Magie jedes Chaosgeborenen stärken konnte, der dem naiven Idealismus des Fyn den Rücken kehrte und sich mit Leib und Seele seiner Duro verschrieb.
Die meisten seiner Zuhörer ließen sich durch seine Demonstration überzeugen und schworen ihm fortan die Treue. Für die Wenigen, die weiterhin an Primeyras Lehren festhalten wollten, empfand Yatis tiefes Mitleid. Aus eigener, schmerzlicher Erfahrung wusste er, dass ihr Glaube an das Fyn ihr Schicksal früher oder später besiegelte und ihre Seelen verloren gingen.
Ihre Leben würden umsonst gewesen sein.
Yatis teilte seine Ansicht mit seinem neu gewonnenen Schwarm und erklärte ihnen, dass alle Chaosgeborenen, die dem Fyn die Treue hielten, ihre Leben mit ihrer Entscheidung unweigerlich verwirkten. Besser, also, wenn wenigstens deren Seelen bewahrt werden konnten, selbst wenn dafür ihre Existenz vorzeitig enden musste.
Je länger sie ihm zuhörten, umso mehr überzeugte er sie. Sie alle wussten um die Vergänglichkeit des Lebens. Der Tod, jedoch, war ewig. Die Fyn-Götter zögerten nur das Unausweichliche hinaus und verlängerten damit das Leid ihrer fehlgeleiteten Anhänger. Yatis hatte ihnen die Wahrheit offenbart. Seine Lehren waren die Erlösung.
Wer ihm nicht folgte, verschwendete sein Leben. Wer ihm nicht folgte, dessen Seele war verloren. Doch Yatis lehrte sie, dass auch die Seelen der Verlorenen bewahrt werden mussten. Er hatte ihnen vorgelebt, welche unliebsame Pflicht ihnen nun auferlegt war, um dieses Ziel zu erreichen.
Wenn sie ihre Geschwister schon im Leben nicht retten konnten, so konnten sie doch dank der Duro an dem festhalten, was ihren Tod überdauerte. Und wenn es notwendig wurde, ihren Geschwistern dafür ein vorzeitiges Ende zu bereiten, war dies eine bedauernswerte Notwendigkeit. In Yatis‘ Magie lag ihrer aller Erlösung.
Wer ihm im Leben nicht dienen wollte, würde es im Tode tun.
Mit grimmiger Überzeugung schlugen seine Anhänger ihre ehemaligen Geschwister nieder und schufen aus den Fyn-getreuen Seelen in Lethes Schwarm weitere Rubine, aus denen sie magische Kraft ziehen konnten. Doch keiner davon reichte auch nur annähernd an den Edelstein heran, den er aus ihrer einstigen Göttin geschaffen hatte.
Der rote Kristall zog seine Macht aus eben jenen Erinnerungen, vor denen Lethe so verzweifelt hatte flüchten wollen. Aus ihrem Schmerz und ihrer Trauer über die schweren Verluste, die sie erlitten hatte. Ihr neuer Körper würde sich auf alle Ewigkeit aus ihrer unsterblichen Seele selbst erhalten. Yatis hatte damit etwas geschaffen, das sogar ihn selbst überdauern konnte.
Für die Lebenden ist der sagenumwobene Ewigstein ein mächtiges Duro-Artefakt. Für die Seele der Fyn-Göttin ist er ein Gefängnis aus immerwährender Pein. Für Yatis ist er ein Symbol seiner Magie und ein Versprechen an die Göttin, aus der er ihn schuf.
Lethe würde niemals vergessen.
Yatis, der Totengott, hatte aus dem unausweichlichen Schicksal, dem jedes Lebewesen sich früher oder später stellen musste, eine Quelle der Magie geschaffen. Wenn der Tod je ein Zuhause gehabt hatte, war es von nun an dort, wo immer er sich aufhielt.
Das Ableben seiner Liebsten plagte ihn nicht mehr, denn er wusste besser als jedes andere Kind des Sturms um die unbestreitbare Wahrheit, das unerschütterliche Gesetz des Lebens, dessen sie alle früher oder später gewahr werden mussten:
Der Tod ist nicht das Ende.