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Der Tod ist nicht das Ende.
Für die Chaosgeborenen war dies keine bloße Hoffnung. Kein Gedanke, der ihnen Trost spendete, wenn sie um den Verlust ihrer Liebsten trauerten. Es war eine unzweifelhafte Tatsache, die sich ihnen aufdrängte, wenn die Seelen der Gefallenen sich mit ihrer eigenen verbanden. Kein Kind des Sturms konnte den Wandel seines Wesens verhindern, den die Essenzen der Toten in ihnen auslösten.
Während einfache Chaosgeborene zumeist kaum merkliche Veränderungen hinterließen, fanden sich im Charakter eines Kindes des Sturms oft Züge gefallener Daeva wieder, und ihre Körper entwickelten sich zu einer Verschmelzung mit den dämonischen Gestalten, die sie überlebt hatten. Das Nähren vom Chaos einer verstorbenen Gottheit kam für jene, die nicht bereits selbst zu einer aufgestiegen waren, nicht selten einer Wiedergeburt gleich.
Je weiter eine Seele sich entwickelt hatte, desto stärker hallte ihr Echo in jenen nach, die sie in sich aufnahmen. Und kaum eine Seele hatte sich je so weit entwickelt wie die des ältesten aller Chaosgeborenen.
Primeyra hatte sein ganzes Leben getan, was in seiner Macht stand, um tödlichen Auseinandersetzungen zu entgehen. Auf der Suche nach rohem Chaos war es mit seinem Schwarm in die Weiten der Leere gezogen. War seine Seele auch nicht völlig frei von Echos gefallener Artgenossen, so war sie doch vor allem geprägt von seinem innigsten Wunsch, das Leben seiner Geschwister zu bewahren. Es war eben dieser Wunsch gewesen, der zur Entstehung der Fyn-Magie, der Magie des Lebens, geführt hatte, und ebenso war es dieser Wunsch, der alle Kinder seines Schwarms durchdrang, als Primeyras Tod sie mit dessen freigesetzter Macht überschwemmte.
Fyndaryon, die Schöpfergottheit, schuf damit die erste Welt, und Fyndaryl nahm seinen Platz in der Leere ein. Doch das Echo der Seele des womöglich mächtigsten aller Götter beschränkte sich nicht auf einen einzelnen Chaosgeborenen. Sein gesamter Schwarm wurde davon überwältigt, und ein jeder von ihnen reagierte darauf auf seine ganz eigene Weise.
Nibuur, ein geringerer Fyn-Gott, wurde von so tiefer Sorge um seinen eigenen kleinen Schwarm ergriffen, dass er sich mit ihnen, so wie einst Primeyra, in die Weiten der Leere flüchtete. Doch als das erste Kind des Sturms den Kämpfen entflohen war, war es leicht gewesen, Orte zu finden, an denen die Stürme des Chaos noch unberührt waren. Als Nibuur endlich innehielt, musste er feststellen, dass er sein Gefolge dorthin geführt hatte, wo die Leere ihrem Namen alle Ehre machte. Wenn der Tod ein Zuhause hatte, hatte er es gefunden.
Er befand, dass es kein besseres Versteck für sie geben konnte. Da es weit und breit kein Chaos gab, gab es auch weit und breit keine Chaosgeborenen. Nichts und niemand konnte ihnen hier gefährlich werden. Hier waren sie in Sicherheit. Doch dies bedeutete auch, dass er und sein Schwarm nichts finden würden, von dem sie sich selbst nähren konnten. Sie hatten nur noch einander.
Seine Anhänger erkannten, dass der Fyn-Gott sich aus Angst zu einem katastrophalen Fehler verleiten ließ. Sie versuchten alles, was ihnen einfiel, um ihn davon zu überzeugen, dass sie weiterziehen mussten. Dass sie an diesem Ort nicht bleiben, nicht überleben konnten. Dass die Gefahr eines Angriffs der Sicherheit ihres Untergangs vorzuziehen war. Sie diskutierten, stritten, flehten, bettelten. Doch Nibuur ließ sich nicht umstimmen.
Sein Schwarm wusste, dass sie ohne seine Magie nicht weit kommen würden. Außerdem war die emotionale Bindung zwischen dem Fyn-Gott und seinem Gefolge zu eng, als dass sie einander hätten zurücklassen können. Ihre einzige Hoffnung lag darin, ihre Gottheit umzustimmen. Und so blieben sie, wo sie waren. Mitten im Nichts.
Sie waren so fern der Stürme, dass sie weder das Licht des Chaos noch das Aufleuchten einer magischen Domäne erspähen konnten. Jenseits ihres eigenen kleinen Reiches schien es keine Welt mehr zu geben. Getrieben von Verzweiflung und Hoffnung wagten sich die Mutigsten unter ihnen hinaus und suchten nach einem Hinweis, dass sie doch nicht so weit abseits allen Lebens waren wie befürchtet.
Doch statt froher Botschaften brachten sie nur Geschichten zurück.
Geschichten von Gestalten, deren Anwesenheit sie gespürt haben wollten, ohne sie jemals gesehen zu haben. Von Stimmen, die sie auf Irrwege führten, sodass sie ziellos im Kreis um Nibuurs Domäne zogen. Jede Expedition wurde kürzer als die vorherige. Die Erzählungen von unsichtbaren Wesen und tückischem Geflüster machten ihnen allen so viel Angst, dass sie es irgendwann gar nicht mehr wagten, die Sicherheit des Schwarms zu verlassen.
Zusammen mit ihrem Mut starb auch ihre Hoffnung.
Ihre Zuflucht in der Einöde kam ihnen mit jedem Moment beklemmender vor. Das Nichts um sie herum schien von allen Seiten auf sie einzudrängen. Ihre Kräfte schwanden. Als der Moment gekommen war, dass die Ersten unter ihnen ihrem Ende entgegenblickten, sprachen diese davon, dass sie die Wesen aus der Leere nun sehen konnten. Dass die Wesen gekommen waren, um sie zu holen. Dass die Diener der Leere die Heimat des Todes von den Eindringlingen befreien würden.
Der ganze Schwarm war versammelt, als der Erste von ihnen nicht länger ausharren konnte, und sein Körper in sich zerfiel. Sie alle trauerten und spendeten sich gegenseitig Trost über ihren Verlust. Doch als ein Zweiter, Dritter, Vierter dahinschwand, konnten sie keinen Trost mehr finden.
Trauer war alles, was ihnen noch geblieben war.
Einer nach dem anderen ließen sie ihr Leben, umgeben von ihrer sterbenden Familie. Essenz für Essenz teilte der Schwarm unter sich auf. Mit jedem Verlust waren sie aufs Neue überzeugt, dass Nibuur nun endlich seinen Fehler einsehen musste, doch sie wurden ein ums andere Mal enttäuscht. Bis der Fyn-Gott schließlich mit dem letzten Überlebenden alleine war.
Ein Daeva namens Yatis war alles, was von seinem Schwarm übrig blieb. Die Seelen seiner gestorbenen Geschwister hallten in seiner Seele wider und trieben ihn an, seinen Gott endlich zur Vernunft zu bewegen, um wenigstens die Gottheit selbst vor dem Untergang zu bewahren.
Doch Nibuur erklärte ihm, dass seine Geschwister nicht gestorben seien, dass ihre Seelen in ihnen weiterlebten, und wenn Yatis starb, würde auch er Teil des Gottes werden, und sie würden auf alle Ewigkeit eine Einheit sein. Das Überleben seines Schwarms sei gesichert, solange er selbst in Sicherheit blieb. Die Verschmelzung ihrer Seelen in völliger Abgelegenheit sei der Schlüssel zu ihrer aller Unsterblichkeit.
Yatis erkannte, dass dies schon lange Nibuurs Absicht gewesen war. Womöglich bereits, als der Schwarm sich in die Tiefen der Leere geflüchtet hatte. Hatte er sie deshalb an den abgelegensten Ort geführt, den er finden konnte? Hatte er deswegen nichts unternommen, um sie am Leben zu halten, selbst als sie einer nach dem anderen elendig zu Grunde gegangen waren? Um zu verhindern, dass sie Angreifern zum Opfer fielen, und ihre Seelen verloren gingen? Aber auch, dachte Yatis voll Bitterkeit, um sie nicht selbst töten zu müssen. In seinem Wahn hatte Nibuur seinen gesamten Schwarm absichtlich verhungern lassen.
Doch der Plan war im Kern zum Scheitern verurteilt. Gott oder nicht, auch Nibuur konnte an diesem Ort nicht ewig ausharren. Früher oder später würde auch er hier verenden, seine Magie zerfallen und seine Gestalt sich in Chaos auflösen. Es würde alles umsonst gewesen sein. Verzweifelt schrie Yatis auf den Gott ein, doch der schien seine Worte nicht einmal mehr zur Kenntnis zu nehmen. Letzten Endes musste der Daeva sich eingestehen, dass Nibuurs Geist gebrochen und sein Schicksal besiegelt war. Ebenso wie sein eigenes.
Er hatte den Untergang seiner Geschwister mit angesehen und sich mit ihren Überresten am Leben gehalten, nur um als Letzter von ihnen zu sterben. Er hatte sich die Seelen seines Schwarms aufgebürdet und ihr Leid ertragen, während es ihn vor Schmerzen schier zerrissen hatte.
Umsonst.
Nein. Nein. Nicht umsonst. Es durfte nicht umsonst gewesen sein. Er musste etwas tun. Irgendetwas. Es durfte nicht umsonst gewesen sein. Er würde es nicht so enden lassen. Nicht hier. Nicht so.
Nibuur hatte sie an diesen leblosen Ort geführt und sie zu einem langsamen, grausamen Ende verdammt. Hatte sie gezwungen, sich voneinander zu nähren, nur um das eigene Leid in die Länge zu ziehen. Er würde seine Seele, die Seelen seiner Geschwister, nicht aufgeben, um den Tod seines wahnsinnig gewordenen Gottes hinauszuzögern.
Eine Kälte durchzog ihn, als seine Gedanken, die sich eben noch überschlagen hatten, plötzlich zum Stillstand kamen. In seinem Verstand herrschte absolute Stille, bis ein einziger Satz sein gesamtes Bewusstsein übernahm.
Es durfte nicht umsonst gewesen sein.
Wenn er zuließ, dass auch sein Leben hier endete, war das Andenken seiner Familie verloren. Er brauchte Kraft, um von hier zu fliehen. Irgendetwas, wovon er sich stärken konnte.
Es durfte nicht umsonst gewesen sein.
Trauer hatte jede Liebe für seinen Gott aus seinem Körper vertrieben. Er war nicht wütend. Er kannte keine Wut. Er war nur unendlich traurig. Traurig über das, was geschehen war. Traurig über das, was nun geschehen musste.
Es durfte nicht umsonst gewesen sein.
Yatis rief alle Magie zu sich, die ihn und seinen Gott noch umgab. Neue Kraft durchströmte seinen Körper, doch es dauerte nicht lange, bis ihre magischen Reserven aufgebraucht waren. Also wandte er seine Aufmerksamkeit Nibuur zu.
Es durfte nicht umsonst gewesen sein.
Yatis brauchte mehr. Mehr Magie, mehr Macht. Und da seine Gottheit sie ihm nicht geben würde, blieb ihm keine andere Wahl, als sie sich zu nehmen. Er spürte das Fyn, das seinen Gott durchdrang. Die Lebensenergie, für die seine Geschwister gestorben waren. Und er griff danach.
Ein Sog entstand zwischen den beiden, und Yatis spürte, wie Nibuurs Magie dem Gott entrissen wurde und in den Daeva hineinfloss. Er beobachtete ihn, während er ihm das Leben entzog. Er rechnete jeden Augenblick damit, niedergestreckt zu werden, während die Gestalt seines Gottes allmählich unter seiner eigenen Magie dahinschwand, doch aus dessen Seele regte sich keinerlei Widerstand. Er wusste nicht, ob Nibuur nicht begriff, wie ihm geschah, oder ob er seinen Lebenswillen schon so lange verloren hatte, dass er seinen Tod regungslos über sich ergehen ließ.
Und dann war es vorbei.
Nibuurs Gestalt löste sich auf und zerfiel zu Chaos, das Yatis weiter stärkte. Erst als die Seele seiner Gottheit sich mit seiner eigenen verband, begriff er, was seinen Schwarm zum Tode verurteilt hatte. Es war die Angst gewesen, die Nibuur in die Weiten der Leere getrieben hatte, doch es war die Trauer um seine Verluste gewesen, die ihn bis zur völligen Untätigkeit gelähmt hatte. Für einen Augenblick lief Yatis Gefahr, ebenso davon überwältigt zu werden und einfach tatenlos auf sein Ende zu warten.
Es durfte nicht umsonst gewesen sein.
Yatis pulsierte vor Energie. Nicht genug, um sich ins Göttertum zu erheben, doch genug, so hoffte er, um die Reise zurück in die Stürme zu überleben. Angetrieben von einem eisernen Überlebenswillen setzte er sich in Bewegung und ließ das Nichts zurück, in dem das schreckliche Schauspiel sich zugetragen hatte. Das Nichts, wo der Tod sein Zuhause hatte.
Während er alleine durch die schier endlose Dunkelheit zog, spürte er, wie seine Kräfte schwanden, bis sein Verstand zu nichts weiter in der Lage war, als sich an die Worte zu klammern, die ihn am Leben hielten: Es durfte nicht umsonst gewesen sein. Yatis‘ Gestalt war bereits zu einem Schatten seines früheren Selbst verkümmert, als er nach langer Reise einem streunenden Chaosgeborenen begegnete, der sich unvermittelt auf ihn stürzte. Er fragte sich, was seinen Artgenossen wohl aus den Stürmen vertrieben hatte, während er ihm mit seiner Magie das Leben entzog.
Dies ließ ihn genug erstarken, um sich wundern zu können, wieso er überhaupt noch Magie besaß. Er selbst war kein Gott, und Nibuur war gestorben. Yatis hatte ihm das Leben genommen. Er vermutete, dass die Art, wie er seinen Gott getötet hatte, den Zerfall seiner Magie verlangsamte, womöglich sogar verhinderte. Mit mehr Glück als Verstand hatte er also einen Weg gefunden, sich am Leben zu halten, während er am Rande der Stürme umherzog, stets auf der Suche nach einem neuen Fyn-Schwarm. Immer wieder frischte er seine Kräfte mit der Lebensenergie einzelner Sturmkinder auf, die weit unterschätzten, was für eine Bedrohung der einsame Daeva darstellte.
Als auch sein Verstand wieder erstarkt war, dachte er über die Wesen nach, von denen seine sterbenden Geschwister in der Einöde der Leere gesprochen hatten. Die Wesen, die den Tod anzukündigen schienen. Da wurde ihm bewusst, dass er ein bisschen wie sie geworden war. Wer ihm begegnete, sah seinem Tod ins Antlitz, und er ließ nichts hinter sich zurück, was von seinem grausigen Werk kundtun konnte.
Er fragte sich, ob die unsichtbaren Wesen ihm gefolgt waren. Ob sie ihn zu ihrem Anführer gemacht hatten, oder ob er unwissentlich ihr Diener geworden war, der für sie einen schrecklichen Feldzug gegen das Leben führte. Ob er der Heimat des Todes tatsächlich entflohen war oder nur deren Grenzen näher und näher an die ewigen Stürme verlegte.
Im Namen des Überlebens seines Schwarms war er zum Todbringer geworden. Doch er konnte nicht aufhören. Er musste weiterziehen. Musste überleben. Er durfte nicht sterben.
Es durfte nicht umsonst gewesen sein.
Yatis war alleine. Er bereitete jedem Leben, das er fand, ein jähes Ende, und obwohl die Stürme nun in Sichtweite waren, stieg ein vertrautes Gefühl in ihm auf. Die Beklommenheit, als ob das Nichts um ihn herum nach ihm greifen wollte. Die unsichtbaren Wesen, die nirgends zu sehen waren und doch überall auf ihn zu lauern schienen. Die Stimmen, die ihn zurückführen wollten, zurück in die Leere, zurück ins Nichts.
Zurück in den Untergang.
Und dann erklang das Echo der Seelen seines Schwarms in ihm und verdrängte all das aus seinem Verstand. Der Zerfall seiner Magie war aus ihm unbekannten Gründen hinausgezögert worden, doch er spürte, dass sie ihm nicht mehr lange dienen würde. Er hatte keine andere Wahl mehr, als sich endlich in die Stürme zu begeben und dort nach einem neuen Fyn-Schwarm zu suchen.
Er hielt sich von allen magischen Konflikten fern, während er eine Schneise des Todes durch die Chaosgeborenen schlug, die sich ihm in den Weg stellten. Mit aller Kraft hielt er an der Erinnerung an seine Familie fest, während seine Instinkte ihn antrieben, vor den Dienern der Leere so schnell und so weit wie möglich zu flüchten.
Er wurde nicht langsamer, hielt nicht inne, zeigte keine Gnade, bis er endlich das vertraute Grün einer Fyn-Domäne erspähte und darauf zustürzte. Er hatte es geschafft. Er war dem tödlichsten Ort der Leere entflohen und hatte sich durch die Stürme gekämpft. Er hatte überlebt, und mit ihm die Seelen seines gesamten Schwarms.
Es war nicht umsonst gewesen.